Die SBB geraten aus dem Takt

Fast täglich bleiben SBB-Züge im Bahnhof stehen, weil die Lokführer fehlen.

Von David Bauer und Matthias Halbeis.

Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Nachrichten
Datum: 30. September 2007

Zürich – 205 Züge der SBB sind in den ersten acht Monaten dieses Jahres im Bahnhof stehen geblieben, weil der Lokführer fehlte. Das ist fast jeden Tag ein Zug. Dies belegt eine Statistik aus den Betriebsleitzentralen der SBB, die der SonntagsZeitung vorliegt. Dabei kommt es nicht nur zu Verspätungen. Züge fallen ganz aus, Hunderte Personen werden während der Stosszeiten auf dem Perron stehen gelassen. Allein in den letzten drei Wochen blieben mindestens zwei Züge auf den Strecken BaselLausanne und LuzernGenf stehen. Niemand war da, der sie fahren konnte.

Grund für den Ausfall war jeweils eine «kurzfristige personelle Umdisponierung», so die Lautsprecherdurchsage. SBB-Mediensprecher Roland Binz bestätigt, dass diese Durchsage bedeutet, dass kein Lokführer verfügbar ist. Aber auch, wenn über Lautsprecher von einem «technischen Mangel» die Rede ist, kann das durchaus heissen, dass der Mann im Führerstand fehlt, sagt ein Lokführer aus Basel.

Dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt, bestätigt Binz: «Tatsächlich dürfte pro Tag durchschnittlich ein Personenzug nicht rechtzeitig losfahren, weil der Lokführer nicht rechtzeitig auf dem Führerstand ist.»

Lokführer-Verband ortet eine katastrophale Personalplanung

Daniel Ruf vom Verband Schweizer Lokführer (VSLF) kritisiert: «Die Personalplanung der SBB ist eine Katastrophe. So können wir keine Eisenbahn betreiben.» Er sei erstaunt, dass es überhaupt noch so gut laufe. Für die Eisenbahnergewerkschaft SEV ist laut Sprecher Peter Moor klar: «Sollten sich diese Situationen häufen, dann brauchen die SBB mehr Lokführer.»

Hubert Giger, Präsident des VSLF, erklärt: Die Knappheit an Lokführern komme daher, dass die SBB in ihrer Planung Ausfälle durch Krankheit oder die jährliche Weiterbildung der Lokführer nicht ausreichend einkalkuliert hätten. So komme es schnell zu Engpässen.

Der VSLF kritisiert, die Bundesbahnen hätten sie Situation selber unnötig erschwert. Früher habe man auf solche personelle Engpässe leichter reagieren können. Personen- und Güterverkehr konnten sich bei Bedarf gegenseitig aushelfen, etwa an Wochenenden. Heute sind die beiden Divisionen strikt getrennt. Die zunehmende Spezialisierung von Lokführern auf einzelne Lokomotiven verschärfe dieses Problem weiter. So kommt es vor, dass bei einem Engpass Lokführer nicht eingesetzt werden können, obwohl sie verfügbar wären.

Auf den Goodwill der Lokführer können die SBB auch immer weniger zählen. Früher sei es üblich gewesen, dass man kurzfristig an einem freien Tag eingesprungen sei, sagt Giger. Weil nach einem neuen Reglement freie Tage jeweils drei Monate im Voraus angemeldet werden müssen, ist die Bereitschaft einzuspringen, stark gesunken. Der Lokführer aus Basel sagt: «Ich könnte jeden freien Tag arbeiten, die Nachfrage ist da.»

SBB holen Pensionierte inden Führerstand zurück

Die SBB weisen alle Vorwürfe zurück. «Generelle Personalknappheit bei den Lokführern besteht nicht und ist auch nicht die Ursache von Verspätungen», sagt Sprecher Roland Binz. Die Zahlen, die der SonntagsZeitung vorliegen, seien ihm nicht bekannt. Die Menge sei zudem angesichts von täglich 6500 Personenzügen sehr gering. Er betont, dass die Zahl der Zugausfälle wegen fehlender Lokführer in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

Trotzdem sehen die SBB Handlungsbedarf. Sie versuchen in letzter Zeit verstärkt, pensionierte Lokführer zum Weiterarbeiten zu bewegen. Auch die Firma MEV Schweiz, die den SBB und den Privatbahnen Lokführer für Zeiteinsätze zur Verfügung stellt, spürt eine grosse Nachfrage. Geschäftsführer Tommaso di Benedetto: «Wir könnten 30 bis 40 zusätzliche Lokführer anstellen und vollständig auslasten.»

Das Bundesamt für Verkehr, das die SBB kontrolliert, sieht sich auf Grund der aktuellen Zahlen noch nicht gezwungen einzuschreiten. Die Fahrplanpflicht werde zurzeit nicht verletzt. Man werde die Entwicklung aber im Auge behalten.

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