Medienbuffet zum Morgenkaffee
by David Bauer. Lesedauer: rund 3 Minuten.
Aus Facts wurde Facts 2.0 – das Nachrichtenmagazin lebt im Internet neu auf
Von David Bauer.
Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Multimedia
Datum: 28. Oktober 2007
Jeden Morgen auf dem Frühstückstisch: die «New York Times» und die FAZ, dazu den Tagi und montags den «Spiegel». Ein eher ungewöhnliches Bild in Schweizer Haushalten und vor allem ein Luxus, den sich kaum jemand leistet. Wenn die Zeitungslektüre im Internet stattfindet, sieht das ganz anders aus. Die Internetplattform Facts 2.0, seit bald zwei Monaten online, bietet dem Nutzer ein meterlanges Buffet an Zeitungen, Magazinen und Blogs, von dem er sich à discretion bedienen kann.
Wie funktioniert das? Die Website sammelt automatisch von über 200 Quellen im Internet alle Nachrichten und stellt sie gebündelt zur Verfügung. Der Nutzer meldet sich bei Facts 2.0 an und abonniert kostenlos alle Quellen, die ihn interessieren. So erhält er jederzeit seinen ganz persönlichen Nachrichtenmix – aus Schweizer und ausländischen Medien, von Journalistinnen und Bloggern, zu Politik, Kultur oder Boulevard. Wer weniger wählerisch ist, kann sich auf der Startseite die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt ansehen, wiederum zusammengetragen aus zahlreichen Quellen. Die aktuell beliebtesten News stehen zuoberst.
Facts 2.0 ist eine Website für Nachrichtenliebhaber, «News-Aficionados». So stellt sich Oliver Reichenstein die Nutzer der Seite vor. Der Designer und Internetstratege hat die Seite im Auftrag des Verlagshauses Tamedia, das auch die SonntagsZeitung herausgibt, aufgebaut. Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell: Er brennt selber auf Nachrichten aus aller Welt. «Die Newslandschaft ist die beste Soap Opera überhaupt.» Doch es gilt wie bei Seifenopern im Fernsehen: «Wer nur ab und zu einschaltet, hat Mühe, sich zurechtzufinden mit tausend Leuten, die alle irgendwie miteinander verbunden sind.» Deshalb will er die tägliche, reale Seifenoper den Menschen näher bringen. Am besten geht das, glaubt er, wenn die Leser selber aktiv werden und ihre Meinung äussern.
Die Diskussionen bewegen sich auf hohem Niveau
Deshalb kann man jeden Text bewerten und kommentieren. Ein Blick auf die Website zeigt: Es finden rege Diskussionen statt. Gerade Texte zu den Schweizer Wahlen provozieren Meinungsaustausch, aber auch über Sinn und Unsinn von Grammatik wird gestritten. Die Diskussionen bewegen sich auf erstaunlich hohem Niveau – wer sich regelmässig im Internet bewegt, ist auch anderes gewöhnt. So stellt sich das Reichenstein vor: «Ich will keine Stammtischdiskussionen, wo man einfach mit der Faust auf den Tisch klopft.» Mit Facts 2.0 will er Leute anziehen, die bereit sind, sich intensiv mit Themen auseinander zu setzen. «Wir wollen an der Fassade der News-Medienlandschaft kratzen. Da gibt es so viel Information und so wenig Charakter, so wenig Leidenschaft.»
Dass Facts 2.0 überhaupt entstanden ist, ist einem «Todesfall» und der Bieridee zweier Querdenker zu verdanken. Ende Juni wurde das Nachrichtenmagazin «Facts» eingestellt, der Verlag wollte die Marke «Facts» begraben. Das rief Christoph Lüscher, Angestellter bei Tamedia, und eben Oliver Reichenstein, Exilschweizer in Tokio, auf den Plan. Die beiden Mittdreissiger steckten die Köpfe zusammen und schlugen dem Verlag vor, Facts zu einer «ernsthaften sozialen News-Plattform» umzufunktionieren.
50 000 Besucher im Monat verzeichnet die Seite
Der Verlag investierte einen mittleren fünfstelligen Betrag in das Projekt, bald soll es sich mit Werbung selber finanzieren. Auf Gewinn ist man vorerst nicht aus: «Facts 2.0 ist ein Experiment, um besser zu verstehen, wie Nachrichten im digitalen Zeitalter funktionieren», so Projektleiter Christoph Lüscher, der auch die Nachrichtenquellen auswählt.
Das Experiment ist gut angelaufen. Rund 50 000 Besucher verzeichnet die Seite im Monat. Das für die Schweiz neuartige Konzept scheint anzukommen. Kein Wunder: Es folgt einem Trend, der sich international schon länger abzeichnet und Dienste wie Google News oder Digg.com gross gemacht hat. Junge Mediennutzer beziehen ihre Information aus vielen verschiedenen Quellen gleichzeitig und wollen sich selber einbringen.
Noch muss Reichenstein viele Diskussionen selber anheizen. Aber erste Anzeichen sind da, dass er Recht haben könnte, wenn er sagt: «Meinung ist eine grosse Marktlücke.» Wer nicht mitreden möchte, bedient sich einfach stumm am Medienbuffet. Das ist allemal so schmackhaft wie das übliche Birchermüesli.
Das Experiment funktioniert
Facts 2.0 will eine Diskussionsplattform sein. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und nebenstehenden Text Anfang Woche bei Facts veröffentlicht. Innert 36 Stunden hat er 14 Bewertungen erhalten (alle positiv) und wurde neunmal kommentiert. pascal.witzig wünscht sich, dass man auch einzelne Ressorts abonnieren kann. Das sei bereits möglich, antwortet Melancholia. Ole Reissmann wirft die Frage auf, wie Verlage damit umgehen, dass da mit ihren Inhalten Geld verdient wird – und erhält postwendend Antwort der beiden Facts-Macher. Test bestanden: Die Diskussion läuft.

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