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Amateursportler greifen zur Dopingspritze

December 30, 2007 (updated on October 24, 2009)

Der Konsum von Epo hat in der Schweiz stark zugenommen – für effektive Kontrollen fehlt die rechtliche Grundlage

Von David Bauer und Petra Wessalowski

Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Nachrichten
Datum: 29. Juli 2007

Zürich · Der Konsum von Erythropoietin (Epo) in der Schweiz ist seit 2004 um über 10 Prozent gestiegen. Dies zeigen Zahlen des Marktforschungsinstituts IMS Health. Doch Patienten mit Blutarmut, bei denen das Hormon medizinisch eingesetzt wird, benötigen nicht mehr Epo. Fachärzte und das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic bestätigen, dass Epo nicht häufiger angewendet wird als noch vor drei Jahren. Bei der Behandlung von Krebskranken wird Epo seltener verabreicht.

Für Beat Villiger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sportmedizin, ist klar: Epo wird vermehrt als Doping im Sport eingesetzt. Der deutsche Dopingexperte Werner Franke von der Universität Heidelberg stellt fest: «Die Schweiz gilt als schlimmes Epo-Land. Offenbar können sich hier wegen des weit verbreiteten Wohlstands auch Freizeit- und Alterssportler das teure Medikament leisten.» Auch Villiger geht davon aus, dass Epo mittlerweile nicht mehr nur im Spitzensport als Doping eingesetzt wird. Vor grossen Breitensportanlässen erhalte er regelmässig Anfragen von Amateuren und Freizeitsportlern.

Leistungsdruck auch bei Amateursportlern

Dass Epo auch bei nicht voll austrainierten Sportlern eine grosse Wirkung auf die Leistung hat, zeigt eine noch laufende Studie der ETH und der Universität Zürich. So hat sich bei einigen Freizeitsportlern die Ausdauerleistung verdoppelt, nachdem sie mit Epo behandelt wurden. Bei solchen Werten mag es dem einen oder anderen reizvoll erscheinen, die Arbeitskollegen mit einer guten Marathonzeit zu beeindrucken oder dem ewig besseren Kollegen am Berg den Meister zu zeigen.

Es gebe unter Freizeitsportlern einen zunehmenden Leistungsdruck, meint Walter Kistler, der als Leitender Arzt den Gigathlon betreut hat. «Da kann auch Doping ein Thema sein.» Dabei könnten durchaus Substanzen wie im Spitzensport zum Einsatz kommen, wenn auch nur bei einzelnen Athleten. Der Griff in den Medikamentenschrank ist bei Freizeitsportlern beliebt. 1998 wurden Teilnehmer des Jungfrau-Marathons getestet. Das Ergebnis: Fast 35 Prozent hatten sich zumindest mit Schmerzmitteln «gedopt».

Medikamente, die den Wirkstoff Erythropoietin enthalten, sind rezeptpflichtig und können in der Schweiz nur über einen Arzt oder aber über illegale Quellen bezogen werden. Wer Epo auf dem Schwarzmarkt besorgt, muss pro Woche mindestens 2000 bis 4000 Franken aufwenden. Von einem Arzt verschrieben kostet eine Standarddosis von 10 000 Einheiten noch rund 250 Franken. Um damit dopen zu können, muss diese ein- bis zweimal pro Woche gespritzt werden.

Im vergleichsweise streng reglementierten Vertriebssystem der Schweiz sind die Ärzte das schwächste Glied. Ist ein Arzt gewillt, verbotenerweise Epo an gesunde Sportler abzugeben, dann kann er das ohne weiteres tun. Die Chance, dass er dabei erwischt wird, ist gering. Der Zürcher Frauenarzt Christian Breymann, der einen Journalisten der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» für einen Selbstversuch mit Epo versorgt hat, sagt: «Jeder zugelassene Arzt hat Zugriff auf Epo. Wenn ein Arzt Epo bestellt, auch in grossen Mengen, wird nicht nachgeprüft, was er damit macht.»

Bundesamt für Sport hat Doping -Ärzte im Visier

«Es gibt in der Schweiz viele Ärzte und Apotheker, die nicht ganz legal handeln», vermutet Bernhard Welten, Jurist der Fachkommission für Dopingbekämpfung von Swiss Olympic. Matthias Kamber, Leiter der Dopingbekämpfung beim Bundesamt für Sport, bestätigt: «Wir haben bestimmte Ärzte aus der Schweiz im Visier, die vermutlich Athleten dopen.»

Wie viele Athleten den Schritt zu Epo machen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Sportphysiologe Urs Boutellier, unter dessen Leitung an der ETH Zürich die Epo-Studie durchführt wird, gibt zu bedenken: «Epo ist teuer und schwierig zu beschaffen – für Hobbysportler also wenig attraktiv.» Der Zürcher Sportarzt Walter O. Frey hat eine andere Erfahrung gemacht. «Wer sich dopen will, lässt sich durch fast nichts davon abbringen.»

Obwohl die Dopingabgabe seit 2002 strafbar ist, tut sich die Schweiz im Kampf gegen die Hintermänner schwer. Kamber klagt: «Uns sind im Moment die Hände gebunden, weil die überführten Dopingsünder schweigen und ihre Lieferanten decken.» Einfacher wäre es, den Vertrieb von Epo zu kontrollieren, bevor es in die Hände von Sportlern kommt. Breymann: «Es wäre ein guter Weg zu kontrollieren, wo gewisse Packungen hingehen. Wenn regelmässig Epo zu Sportmedizinern kommt, wäre das schon auffällig.» Für eine solche Kontrolle fehlt derzeit allerdings die rechtliche Grundlage.

Jurist Bernhard Welten hofft, dass die geplante Nationale Antidoping-Agentur bald eingerichtet wird, als halbstaatliche Einrichtung gemeinsam getragen vom Bundesamt für Sport und Swiss Olympic. Im Moment verhinderten komplizierte Strukturen und knappe Budgets ein effektives Vorgehen gegen Doping .

Dopingexperte Franke teilt diese Einschätzung. Er kritisiert das derzeitige Vorgehen der Schweizer Behörden als scheinheilig und ungenügend: «Es wird gesäuselt, alles wird mit Wohlwollen zugedeckt.» Es gebe immer noch niemanden, der hart gegen Doping vorgehe, und es fehle an intelligenten Kontrollen.

So dopen sich Sportler

Anabolika

Anabolika wie Testosteron oder Nandrolon fördern in hohen Dosen den Muskelaufbau, in kleinen Dosen die Regeneration. Sie können geschluckt, gespritzt oder als Pflaster angewendet werden. Das Mittel findet vor allem im Fitness-sport Verwendung.

Epo

Das Hormon wird gespritzt und regt die Bildung von roten Blutkörperchen an. Dadurch kann das Blut die Muskeln mit mehr Sauerstoff versorgen, die Ausdauer verbessert sich. Im Spitzensport in den letzten Jahren das Dopingmittel schlechthin.

Blutdoping

Mit Hilfe von Blutkonserven, eigenen oder fremden, wird die Anzahl roter Blutkörperchen im Blut erhöht. Vor der Blutabgabe halten sich die Spender in den Bergen auf, um den Sauerstoffgehalt zu erhöhen. Der Effekt ist derselbe wie bei Epo. Unrühmliche Bekanntheit erlangte die Methode durch das System des Dopingarztes Fuentes in Spanien.

Gendoping

Die Zukunft des Dopings . Fremde Gene werden in bestimmte menschliche Zellen eingebracht und bewirken eine Leistungssteigerung. Diese Methode könnte bereits bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking eine Rolle spielen.

www.dopinginfo.ch

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