Bei Anruf Abzocke
December 30, 2007 (updated on October 24, 2009)
Für Call-in-Sendungen gibt es kaum gesetzliche Leitplanken – genau so gebärden sie sich auch.
Von David Bauer.
Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Multimedia
Datum: 16. September
Zwei übergrosse nackte Brüste brüllen: «JETZT! Anrufen! Wer holt sich das Geld?» Der Fernsehzuschauer wundert sich: Kann es sein, dass ein plappernder Pin-up-Kalender als Geschäftsmodell taugt? Als Gewinnspiel im deutschen Privatfernsehen allemal. Ob Brüste oder Gebrüll – den Sendern ist jedes Mittel recht, um die Zuschauer für ihre Anrufgewinnspiele zu animieren.
Auch in der Schweiz sind die nervtötenden Call-in-Sendungen weit verbreitet: «Swissquiz», von der Firma Callactive in München produziert, läuft täglich bis zu neun Stunden auf den Privatsendern 3+, Star TV, Viva und U 1. Die Brüste sind hier zu Lande ordentlich eingepackt, alles andere ist dasselbe in Rot-Weiss.
Mit einem Anruf 9000 Franken gewinnen, das Angebot ist verlockend. Eine Automarke mit A erraten, ein Kinderspiel. Audi, Fiat und Mazda sind schon gelöst, neun weitere Marken gilt es noch zu finden. Leicht verdientes Geld. Bloss für wen?
Die Branche setzt europaweit Milliarden um und wächst kräftig weiter. «Wir haben hier eine Spielwiese mit Goldgräberstimmung», sagt Reto Brand, zuständig für Glücksspiele beim Bundesamt für Justiz. Der Bereich sei in der Schweiz «rechtlich praktisch nicht geregelt». Die entsprechende Gesetzgebung stammt aus dem Jahr 1923.
Das nutzen Callactive und die Schweizer Sender aus. Wie viel Geld «Swissquiz» abwirft, will freilich keiner der Beteiligten sagen.
Solange die Zuschauer an den Gewinn glauben, rollt der Rubel
Überhaupt lassen sich die Goldgräber beim Scheffeln nicht gerne auf die Finger schauen. Callactive-Geschäftsführer Stephan Mayerbacher schrieb der SonntagsZeitung eine forsche E-Mail, er habe «in Erfahrung gebracht», dass man eine Geschichte zum Thema plane. Und forderte eine Erklärung für das Vorgehen.
Das Prinzip der Geldmaschine ist einfach: Jeder Anruf kostet 1.50 Franken, auch wenn man nicht ins Studio durchgestellt wird. Solange die Zuschauer glauben, dass sie gewinnen können, rollt der Rubel. Deshalb beginnt praktisch jedes Spiel mit einem einfachen Rätsel. Bald wird ein Anrufer ins Studio durchgestellt und gewinnt ein paar Hundert Franken, manchmal auch weniger. Dann steigt die Gewinnsumme an, der leichtgläubige Zuschauer wittert seine Chance: Ich weiss die Lösung, und wenn die anderen durchkommen, schaffe ich das auch.
In Tat und Wahrheit wird genau jetzt das Gewinnen praktisch verunmöglicht. Niemand wird mehr ins Studio durchgestellt, oder das Rätsel lässt sich schlicht nicht lösen (siehe Kasten). Dies ist der Teil der Sendung, in dem es vor allem einen Gewinner gibt: «Swissquiz».
Jetzt kommt der grosse Auftritt der Moderatorinnen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Zuschauer die Hoffnung nicht aufgeben – und wieder und wieder für 1.50 Franken zum Telefon greifen. Ob Sabrina mit den treudoofen Rehaugen oder Leila, die alles «suppr» findet, sie palavern so lange im Nullinhalte-Stakkato auf den Zuschauer ein, bis ihm schwindlig wird – und er tatsächlich glaubt, dass er eine grosse Gewinnchance hat, wenn er jetzt, pardon: «Jeeetzt!», anruft.
Der Bund will die Gesetzgebung einstweilen nicht verschärfen
Sabrina schafft seit langem wieder einen ganzen Satz: «Jede Sekunde kann es passieren.»
Noch immer kein Anrufer in der Leitung.
Jetzt aber: «Noch 10 Sekunden, 9, 8…», zwitschert Sabrina.
Der Countdown ist abgelaufen, es passiert – nichts. Wie Dutzende Male davor.
Diese Irreführung ist nicht verboten. Die einzigen Vorgaben, die einzuhalten sind: Die Sender müssen die Anrufkosten korrekt ausweisen und eine Möglichkeit zur Gratisteilnahme anbieten, beispielsweise über die Website oder über Handy-Internet.
Eine Verschärfung der Gesetze ist nicht in Sicht. Jurist Brand: «Im Moment sehen wir keine Signale aus der Politik, dass man diesen Sendungen rechtliche Leitplanken setzen will.»
Das Bundesgericht hat allerdings am Mittwoch einen Entscheid veröffentlicht, in dem es zumindest andeutet, dass es in Zukunft solche Gewinnspiele strenger beurteilen könnte. Bisher hat man die Spieleproduzenten machen lassen.
Das Spiel ist vorbei. Die 9000 Franken hat niemand gewonnen. Die Moderatorin löst auf. Die gesuchten Automarken mit A waren: Chaika, Enzmann, Veritas, Connaught, Clan Crusader, Delayahe, Laurel Stanguellini und Swallow Doretti. Da schaut selbst die Moderatorin etwas verwirrt aus der Unterwäsche.
Gewinnen mit System: So funktioniert es
Wenn es um den eigenen Gewinn geht, überlassen die Call-TV-Produzenten nichts dem Zufall. Die Anrufgewinnspiele sind systematisch so gestaltet, dass die Produktionsfirma Kasse macht.
Sind die ersten kleinen Gewinne ausbezahlt, wird dafür gesorgt, dass über eine lange Zeit, manch- mal stundenlang, kein Anrufer mehr gewinnt. So funktioniert das ausgeklügelte System:
- Variante 1: Das Rätsel ist praktisch unlösbar.
Das Rätsel scheint auf den ersten Blick nicht allzu schwierig. Es existieren allerdings Unmengen von Lösungen, die mit gesundem Menschenverstand nicht gefunden werden können. Die Chance, dass jemand die richtige Lösung errät, ist äusserst gering.
- Variante 2: Niemand wird ins Studio durchgestellt.
Das Rätsel ist sehr leicht zu lösen, aber die Leitungen bleiben stumm. Reiner Zufall, behauptet die Produktionsfirma. Ein technisches System, der so genannte Hot Button, bestimme den Zeitpunkt, wann jemand ins Studio durchgestellt wird. Der Trick: Der Sendeproduzent legt die Dauer fest, innerhalb welcher der Hot Button zuschlagen kann. Eine Maximaldauer gibt es hierbei nicht, wie Callactive auf Nachfrage einräumt.
Auch die Gewinnleitungen, die angeblich «direkt ins Studio» führen, haben ihre Tücken. In den meisten Fällen bestimmt die Regie, zu welchem Zeitpunkt tatsächlich jemand «direkt ins Studio» gestellt wird.


























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