Was Johnny Cash so unverzichtbar macht

September 11, 2008 (updated on October 24, 2009)

Am 11. September in der Basler Zeitung erschienen. English Version here.

Johnny Cash (Ausschnitt aus dem Cover zu American Recordings IV: The Man Comes Around, 2002)

Von David Bauer.

Als Johnny Cash starb, hat mich das nicht interessiert. Morgen ist es genau fünf Jahren her, das weiss ich aber nur, weil ich es nachgeschlagen habe. Johnny Cash, das war für mich ein Name. Ein Name, den man kannte, der mir aber nichts sagte. Love is a burning thing…nanana…ring of fire. Mehr war da nicht.

Heute ist Johnny Cash für meine Seele, was Sauerstoff für meine Lungen ist. Dabei habe ich ihn erst vor einem Jahr zufällig und unter ungünstigen Umständen entdeckt. Auf meinem Laptop habe ich mir den Film über sein Leben, Walk the Line, angesehen. Mit kaputter Tonspur, so dass Cash alle paar Sekunden ins Stottern kam. Das war er also: Mein „Hello, I’m Johnny Cash“-Moment. Johnny Cash stellte sich mir vor, dabei sah ich nur Joaquin Phoenix. Ich lernte seine Songs kennen, dabei sang Joaquin Phoenix sie. Und trotzdem hat es klick gemacht. Ich verspürte das dringende Verlangen, mehr über diesen Menschen und seine Musik zu erfahren.

Reichlich spät war ich dran. Vor über fünfzig Jahren hatte Cash seine Karriere begonnen und selbst die späten Ausrufezeichen, mit denen sich Cash bei meiner Generation bekannt gemacht hatte, lagen schon einige Jahre zurück. Der Kinofilm etwa und sein Spätwerk, die von Rick Rubin produzierten „American Recordings“. Mit zahlreichen Neuinterpretationen von bekannten Songs hatte er all jenen die Hand gereicht, für die allein schon das Wort „Country“ abstossend klang. So kam es, dass Cash 1994 inmitten des Britpop-Wahnsinns am Glastonbury-Festival in England spielte oder den Simpsons in einer Episode als Gast willkommen war (er lieh seine Stimme einem Kojoten). Spätestens mit seiner Version des Nine Inch Nails-Songs „Hurt“ hat sich Johnny Cash den Platz in der Gegenwart gesichert. Heute covern ihn Coldplay regelmässig an ihren Konzerten und sein Ring of Fire läuft in der Telefon-Warteschlaufe der Billag.

Was aber ist es, dass diesen Johnny Cash so zwingend macht, so unverzichtbar? Heute noch, oder eben gerade heute.

Da ist zum einen, natürlich, die Musik. Country ohne den Cowboy-Klamauk. Cash hat es verstanden, mit seiner Gitarre Leichtigkeit in die Songs zu bringen, ihnen aber gleichzeitig mit seinem Gesang Gewicht zu verleihen. Der Gesang, der selbst dann nicht an Dringlichkeit verlor, als Cashs Stimme in den letzten Jahren von Alter und Krankheit gezeichnet brüchig wurde. „Hurt“ in der Version von Johnny Cash ist schlicht einer der ergreifendsten Songs, die je gesungen wurden.

Cashs Songs sind nicht komplex, sondern heruntergebrochen auf eine Art musikalische Dreifaltigkeit: Eine Melodie, eine Stimme, eine Geschichte. Das zieht sich durch seine Diskografie, von seinen frühen Hits wie „Walk the Line“ oder „Folsom Prison Blues“ bis zu seinen letzten Songs kurz vor seinem Tod. In der Reduktion liegt die wahre Kunst, das verstehen viele nicht.

Es sind ist aber nicht nur die Musik, die Johnny Cash einzigartig macht, sondern vor allem das, woraus sie entsteht.

Cashs Biografie ist voll von Brüchen, von funkelnden Höhen und dunklen Tiefen. Hinzu kommt eine Liebesgeschichte, die sich mühelos mit den grossen der Weltliteratur messen kann: Die Beziehung zu June Carter zieht sich wie ein roter Faden durch Johnny Cashs Leben. Früh kreuzen sich ihre Wege, musikalisch wie privat, und nach einigen Irrungen wird aus dem musikalischen Duett schliesslich eine Beziehung für die Ewigkeit. Kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag sang Cash: „Love is love and doesn’t change in a century or two“.

Darin besteht ein weiteres Geheimnis: Cashs Songs sind tief im Leben verwurzelt und wachsen deshalb immer weiter.

Heute sind Künstler und Bands Einwegprodukte. Die Musikindustrie ist zum rasenden Karussell geworden, auf das man aufspringt, um bald wieder abgeworfen zu werden. Jeder kriegt seine 15 Minuten Ruhm, aber auch nicht viel mehr. Musikerpersönlichkeiten sind rar geworden, bei denen sich Biografie und Werk gemeinsam entwickeln können. Musiker, die etwas zu erzählen haben.

Warum aber Cash? Warum nicht Presley, warum nicht Dylan, warum nicht Cohen? Ich weiss es nicht. Qualitätsvergleiche liefern keine Antwort. Doch letztlich geht es bei Musik auch nicht darum, ob sie gut ist oder schlecht, sondern nur um eines: Ob sie etwas in einem bewegt. Cash geht mir bis ins Mark, bei Elvis rührt sich nichts.

Den Unterschied macht das gewisse Etwas, das man nicht beschreiben, nur erleben kann. Wie neulich, als ich Johnny Cash wieder begegnete.

An dem Abend, da ich meine persönliche June Carter loslassen muss, zappe ich gedankenverloren durch flimmernde Fernsehprogramme und lande irgendwann bei Walk the Line. Bei Johnny Cash, wie er mit June Carter „Jackson“ singt. Damit ist für mich der Beweis erbracht: Man sucht Johnny Cash nicht, er findet einen.

Ich schalte den Fernseher aus, hole alles von Johnny Cash aus der Plattensammlung und lasse Song um Song auf mich wirken. In solchen Momenten entfaltet sich die ganze Kraft, die Cash birgt. Seine Musik ist der gute Freund, der ohne Mitleid tröstet. Der einem die Hand auf die Schulter legt und sagt: Du hast recht, das Leben ist ein Monster, das dich auffrisst. Aber wenn du zäh genug bist, wenn du an dich glaubst und an das Gute im Leben, dann spuckt es dich auch immer wieder aus.

Von Johnny Cash lernen heisst, über das Leben lernen. Und wer genau hinhört, wird es vielleicht sogar irgendwann verstehen, das Leben.

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