Der Fall des US-Empires und die Aussagekraft des Fragezeichens
Saturday, 20. September 2008
“Droht dem US-Empire der Fall?”, fragt heute Tagesanzeiger.ch an prominenter Stelle. Derzeit steht die Story mit diesem Titel an oberster Stelle auf der Startseite. Kein Wunder, denkt man sich, bei einem derart brisanten Thema. Da geht es schliesslich um den Fall des US-Empires.
Naja, es wird danach gefragt. Eine alte Regel besagt: Steht im Titel eines Artikels eine Frage, so lautet die Antwort in den allermeisten Fällen: Nein. In besonders günstigen Fällen vielleicht: Ja, unter ganz besonderen Umständen und stark zugespitzt gesagt. Aber nie: Ja.
Denn wenn die Antwort Ja oder annährend Ja wäre, würde da kein Fragezeichen stehen. “Dem US-Empire droht der Fall” klänge dann nämlich auch viel knackiger als Schlagzeile. Das Fragezeichen im Titel ist nach journalistischen Lehrbüchern eigentlich ein Tabu (allerdings mit der etwas merkwürdigen Begründung, dass ein Journalist Antworten liefern solle, keine Fragen stellen). Gerade im Boulevard- und dem Boulevard-nahen Journalismus wird das Fragezeichen in Titeln aber sehr gerne eingesetzt.
Das hat einen einfachen Grund. Es lassen sich damit wunderbar gewagte Thesen formulieren (die von Leser genau als solche angenommen werden), ohne dass man sich auf die Äste der Ungewissheit hinauslässt. “Ich habe ja nichts behauptet, ich habe nur etwas gefragt…”. Gewagte Thesen mit Fragezeichen verkaufen sich logischerweise besser als differenzierte Abwägungen ohne Fragezeichen.
Das genannte Beispiel aus dem Tagesanzeiger ist vergleichsweise harmlos. Immerhin handelt es sich um ein Interview, in welchem Tatsächlich die Frage aus dem Titel behandelt wird (aber natürlich tendenziell mit einem Nein beantwortet wird, wie ja der Leadsatz bereits verrät).
Doch wer sich achtet, wird bei der täglichen Zeitungs- und Onlinemedien-Lektüre auf allerlei Fragen in Titeln stossen, mit teilweise haarsträubenden Thesen. Und wenn irgendwo ein schlimmes Verbrechen geschehen ist, dann wird ganz bestimmt irgendwann jemand fragen: Ist ER der Mörder? (mit Bild darunter). Und die Antwort im Text wird lauten: Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.