Der anonyme Mob, das liebe Klickvieh und der Zauberlehrling
Monday, 5. January 2009
Gestern Sonntag erschien in der SonntagsZeitung ein Artikel von mir über die Problematik anonymer Leserkommentare in Onlinemedien: “Der anonyme Mob. Leser pöbeln und beleidigen und zwingen Onlinemedien zum Umdenken”.
Heute wird er unter anderem im Medienweblog Medienlese.com angeregt diskutiert. Ronnie Grob schreibt unter dem Titel “Das liebe Klickvieh” eine Art Replik zum meinem Artikel. Sowohl ihm wie auch den Kommentierenden des Artikels empfehle ich, Goethes Zauberlehrling (mal wieder) zu lesen – und dabei zu überlegen, warum ich wohl genau diese Geschichte als Rahmen für meinen Artikel verwendet habe.
—
Der Zauberlehrling
(Johann Wolfgang von Goethe, 1797)
Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich, und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Thu’ ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe,
Und mit reichem vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwey Beinen stehe,
Oben sey ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe,
Und mit reichem vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweytenmale!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe!
Hab’ ich doch das Wort vergessen!
Ach das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten,
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwey!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich athme frei!
Wehe! wehe!
Beide Theile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –
Ach da kommt der Meister!
Herr, die Noth ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los.
„In die Ecke,
Besen! Besen!
Seyd’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.“
schwieriges thema, zu dem ich noch keine abschließende meinung habe.
zunächst die anonymität: je weniger anonym, desto mehr kann sich der leser bei uns – oder besser: unter meinen beiträgen – aus dem fenster lehnen.
wer mit nick und fake-mail rumpöbelt, der wird geflamet, gehen die kommentare ins rassistische o.ä., dann wird der kommentar gelöscht.
kommt aber extrem selten vor.
spreeblick hat gerade so noch die größe,in der es gesittet zugehen kann.
auf youtube beispielsweise geht ja gar nichts. dort muss man sich nur mal die kommnentare unter einem beliebigen tierfilm anschauen – unter der behauptung, die mutter des vorkommentators gegen entgelt beschlafen zu haben, geht dort gar nichts.
die frage ist: was kann man aushalten, was muss man aushalten, muss man überhaupt irgendwas – ich entscheide das tatsächlich aus dem bauch heraus.
es kann ganz interessant sein, die von politically incorrect irgendwann bei uns hängengebliebenen kommentatoren drin zu lassen in der debatte – aber manchmal geht es eben auch extrem auf die nerven.
insgesamt würde ich vorschlagen: möglichst wenig restriktiv vorgehen, aber nicht zimperlich sein, wenn sich einer in seiner meinungsfreiheit gestört fühlt, weil man seinen 21. kommentar zur gewaltbereitschaft aller muslime gelöscht hat.
[...] Die Reaktion auf die Diskussion bei David Bauer [...]
Ich kann mich @malte nur anschliessen:
Ich glaube, was in aller Regel fehlt, ist Gelassenheit und Lebenserfahrung, die dann eben auch Führungsqualität als Moderator wäre.
Ich kann nur raten, Portale wie medienlese oder Spreeblick mit dem Newsnetz zu vergleichen – und dann die Frage zu stellen, warum wohl die Kommentare so unterschiedlich sind? Wer die Antwort nicht findet, qualifiziert sich auch irgendwie selbst.
Ich kann nur davon abraten, Portale wie Medienlese oder Spreeblick mit dem Newsnetz (oder 20min.ch oder blick.ch) zu vergleichen. Wie ich bereits bei Medienlese geschrieben habe: Dass das Publikum einer Quartierbeiz mit treuem Stammpublikum besser unter Kontrolle gehalten werden kann als die anonyme Masse eines ganzen Fussballstadions, sollte einleuchten.
Und wie es bei Onlinemedien mit einer derart grossen Reichweite möglich sein könnte, fruchtbare Dialoge in den Kommentarspalten zu ermöglichen, darüber haben sich schon manche kluge Leute den Kopf zerbrochen. So einfach ist das eben nicht.