Die Bier-Regel für anonyme Kommentatoren
by David Bauer. Lesedauer: knapp 2 Minuten.
Bild: cc by Anders Adermark
Man lernt ja manchmal dazu, idealerweise. So kommt es, dass meine gesammelten Erfahrungen mit Online-Diskussionen heute in die Bier-Regel münden.
Die Bier-Regel lautet so: Wenn jemand mich oder meine journalistische Arbeit online kritisiert, ohne dabei seine Identität zu offenbaren, so werde ich nicht mehr darauf reagieren. Stattdessen sind die betreffenden Kritiker jeweils – und ich meine das ernst – zu einem Bier eingeladen, um mit mir zu diskutieren. Ich höre gerne zu – aber nur, wenn ich weiss, wem ich zuhöre.
Wie ich darauf komme: Von Journalisten wird im Internetzeitalter erwartet, dass sie keine Einwegkommunikation betreiben, sondern zum Dialog mit Lesern bereit sind. Absolut einverstanden. Aus diesem Grunde beteilige ich mich regelmässig an Online-Diskussionen, die meine Artikel betreffen, meine Arbeit im allgemeinen oder Themen, mit denen ich mich beschäftige. Dabei hat sich für mich die Anonymität von Gegenübern stets als Hindernis erwiesen.
Respektvoller, konstruktiver Dialog findet auf Augenhöhe statt, mit offenem Visier. Eine Aussage steht nie für sich alleine. Sie hat einen Absender, der in einem bestimmten Kontext verortet ist und bestimmte Motive für seine Aussage hat. Verschleiert jemand seine Identität, bleibt auch dieser Hintergrund der Aussage verschleier und dem Dialog die Basis entzogen.
An einem einfachen Beispiel illustriert: Die Aussage “Der Artikel von D.B. ist grauenhaft schlecht” erscheint in einem komplett unterschiedlichen Licht, je nachdem, wer sie macht:
- Ein zahlender Leser
- Ein Experte, der sich mit dem Thema auskennt
- Jemand, der im Artikel schlecht wegkommt
- Jemand, der gerne meinen Job hätte
- Mein Chef, der den Artikel redigiert und abgesegnet hat
- Ich selber
- etc…
Nun kann man dagegenhalten, dass die Aussage, solange sie sauber begründet ist, auch für sich alleine stehen kann. Aus diesem Grunde habe ich mich, trotz Unbehagen, in den letzten Jahren auf so manche Online-Diskussion mit Anonymen eingelassen – dabei jedoch feststellen müssen, dass früher oder später in der Diskussion fast immer der Punkt kommt, wo die Identität des Gegenübers relevant wird. Ich habe jeweils wiederholt (und erfolglos) gefordert, die Identität meines Gegenübers kennen zu dürfen. Inzwischen akzeptiere ich, dass gewisse Leute online anonym bleiben wollen. Fair enough. Ich werde mich aber auf keine Diskussionen mehr mit ihnen einlassen. Stattdessen gilt die Bier-Regel. Cheers.

[...] könntest du ja auch ein Mexikaner sein. Drittens würde das aber auch bedeuten, dass ich deiner Kritik zustimmen und dir damit Recht geben würde. Dem ist aber nicht so. Zu allererst gilt [...]
klingt sehr sinnvoll…
und vielleicht können wir (vielleicht auch mit Seraina) wieder mal ein Bier trinken gehen – auch ohne das ich dich kritisiere : )
Cheers
Schade, denn gerade die anonyme Kritik ist oft die ehrlichste und wertvollste. Denn sie gewinnt und riskiert für sich nichts, es geht alleine um den Inhalt des Feedbacks, nicht um den Absender. Damit meine ich nicht Feedback wie “Deinen Artikel finde ich fade”. Ein solches Feedback bringt für sich gesehen wenig Erkenntnis, erst recht, wenn man den Absender nicht kennt. Ich meine Feedback wie meinen Kommentar hier, der nachvollziehbare Argumente liefert.
Ein Argument wird vielleicht treffender, aber per se nicht zutreffender oder besser, wenn es von Sloterdijk stammt. Ein Macht- oder Interessensverhältnis kann eine offene Kritik hingegen erschweren oder verunmöglichen.
“The Economist” ist die wohl renommierteste Zeitschrift überhaupt. Fast jeder Artikel wird von einem anonymen Feigling geschrieben.
Lieber Leser, das ist nicht richtig. Kritik ist nicht zutreffender oder ehrlicher, wenn sie anonym geäussert wird. Im Gegenteil, all den niederen Instinkten, all den Ressentiments, all den tiefen Kränkungen, dem ganzen Frust des eigenen Scheisslebens kann man als anonymer Kommentator und Blogger so richtig schön freien Lauf lassen, man kann mit Dreck nach denen werfen, die für ihre Arbeit öffentlich ihren Kopf hinhalten, man kann sich an ihnen abarbeiten, ohne dass man dafür Verantwortung übernehmen muss. Im Iran mag das anders sein, aber in der Schweiz herrscht staatlich garantierte Meinungsfreiheit, und es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, anonym zu bloggen oder zu kommentieren. Es gibt Blogger, die sich aus der Anonymität zu Richtern derer aufspielen, die ihren Namen hinhalten, selber aber unangreifbar und unsichtbar bleiben, weil sie ihr präpotenten Kommentare genauso hinter albernen Fantasienamen verstecken wie ihre wahren Motive.
Der Vergleich mit dem Economist ist übrigens Unsinn, denn die Artikel dort sind nicht anonym, genau so wenig wie sie es früher beim Spiegel waren, denn der Autor ist bekannt: es ist das Redaktionskollektiv des “Economist”, und der hat einen Namen und eine Adresse und namentlich bekannte Chefredaktoren und Redaktoren.
Ein Bier wäre mal eine gute Idee! (meine Mail-Adresse hast Du ja).
Im übrigen wiederholen sich die Argumente pro und Contra immer wieder neu. Es gibt leider keine Antwort, die per se für alle Fälle gelten würde.
Darum wünschte ich mir, dass man den Stab der Prinzipien oder gar der Moral bricht, bevor man ihn überhaupt hoch hebt, und sich stattdessen auf Inhalte konzentriert. Einem Text, einem Inhalt ist anzumerken, ob er selbst anonym, engagiert, wahr, ehrlich oder in einer Weise motiviert ist, welche die Meinung als Ganzes fragwürdig macht.
In aller Regel zumindest. Und eben deswegen gibt es DIE Regel nicht.
Die Meinungsfreiheit des Staates Schweiz nützt mir vor meinem Chef übrigens in aller Regel herzlich wenig… (so zum Beispiel)
Lieber David Bauer
wenn sie über Journalismus schreiben, bin ich mit ihnen ein verstanden, ich bin ein Hobby-Blogger und verdiene kein Geld mit dem Internet und bin im Internet seit Jahren zentao. Wenn jemand mehr wissen will ist das ja durch aus möglich,ich habe meine IP Adresse wie alle. Das Pseudonym ist ein Schutz, den ich mir leiste, das ist aber keine echte Anonymität. Die Idee mit dem Bier finde ich toll und wenn sie mir ein Mail schicken
http://zentao.wordpress.com/
könnten wir ja mal ein Bier trinken ( auch eine Sammel-Blogger-Bierrunde wäre möglich, )Ich kann fast überall in der Schweiz hinkommen.
Liebe Grüsse zentao