Head of Visuals, NZZ

Fesseln, nicht knebeln – den Leser im Text halten

September 30, 2009 (updated on October 24, 2009)

Der Leser ist unbarmherzig. Fehler der Journalisten bestraft er innert Sekunden. Bei einem durchschnittlichen Artikel sind 50 Prozent der Leser nach 2 Sekunden bereits wieder weg. Nach 20 Sekunden sind noch 25 Prozent übrig, bis zum Ende des Artikels 6 Prozent (in den USA: null Prozent). Zahlen, die den Journalisten schmerzen. Aber auch Zahlen, aus denen man lernen kann.

Gelernt habe ich in diesem Fall in einem Seminar von Peter Linden, ehem. Redaktor bei der Süddeutschen Zeitung.

Die Kernerkenntnisse für den Aufbau eines Textes:

In drei kritischen Phasen gilt es, den Leser an den Text zu fesseln, so dass er nicht weg will. Dafür sind jeweils unterschiedliche Rezepte nötig.

  • In Bild, Titel und erstem Satz (erste 2 Sekunden) gilt es, die Aufmerksamkeit des Lesers zu gewinnen. Aufmerksamkeit gewinnt man mit Wiedererkennung. Wiedererkennung provoziert man mit Schlüsselwörtern, die eine subjektive oder mediale Erfahrung des Lesers ansprechen.
  • Im ersten Abschnitt (erste 20 Sekunden) muss das Interesse des Lesers geweckt werden. Dies geschieht am besten, wenn ein Widerspruch aufgebaut wird. Mit Bekanntem wird gebrochen, Bekanntes wird ausdifferenziert – der Leser erfährt etwas neues.
  • Im restlichen Verlauf des Texts gilt es, Spannung aufrecht zu erhalten. Dies gelingt mit Kontrasten innerhalb der Geschichte (zwischen Anfang und Ende, zwischen Personen, zwischen Orten).

Weitere Take-Home-Messages:

  • Ein Suchmaschinen-optimierter Titel ist auch Leser-optimiert (beide sprechen auf Schlüsselwörter an)
  • Es ist gut, wenn der Leser ahnt, wie es weiter geht
  • Primeure, die neue Themen auf die Agenda setzen, sind keine Quotenbringer (geringe Wiedererkennung)
  • “Man muss nicht als erster auf die Welle aufspringen, sondern dann, wenn sie am höchsten ist” (Kai Diekmann)
  • Beim Fernsehen braucht der Zuschauer drei Sekunden, um eine Person zu erkennen (selbst wenn es eine bekannte ist). Erst dann kann er eine Äusserung dieser Person aufnehmen. Gilt genauso für Zitate im Printbereich.
  • Quotes in Fernsehbeiträgen sind durchschnittlich 7 Sekunden lang, dann braucht es Schnitte. Gilt genauso für Zitate im Printbereich.
  • Leser entscheiden in Intervallen von sieben Sekunden (6-8 Zeitungszeilen), ob sie im Text bleiben oder aussteigen. Sprich: Ein Durchhänger im Text darf maximal 6 Zeilen lang sein.

Die grössten Leser-Verscheucher:

Was dem Journalisten hilft: Es sind wenige Elemente, die für einen Grossteil der Textausstiege verantwortlich sind. Diese Elemente sind dafür echtes Gift (15-35 Prozent der verbleibenden Leser können an einer einzigen entsprechenden Stelle aussteigen).

  • Zitate: Als Texteinstieg; über 40 Wörter lang; als Fremdkörper in szenischen Passagen
  • Statik: fehlende Verben; keine Verben der Bewegung; Nominalstil
  • Fragen an den Leser (“Was bedeutet das nun?”)
  • Negationen
  • Chronologische Erzählweise

These are great times for journalism. This is how I work:

Words

I grew up as a journalist of words. It remains one of my favourite means to tell stories. Chosen wisely, put in the correct order and structured well, words are as powerful as ever.

Code

When we build applications, when we report and present stories in novel ways, code is what drives them. Speak the language of computers, make them work for you.

How I Learnt to Code

Data

Call it data journalism, if you will. Numbers and data in general are a wonderful raw material to work with. I dig for stories and tell them in visually compelling ways.

Weekly Filet

The Weekly Filet is a compilation of the best pieces found on the web. Intriguing articles, stunning photographs, telling visualisations, excellent songs, smart videos. 5 recommended links, every Friday, free home-delivery.

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