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«Schweizer Onlinemedien glauben zu sehr, Geschwindigkeit sei ihr grösster Trumpf»

December 18, 2010

Sabrina Stallone, Autorin beim Musikblog 78s, hat mich für ihre Maturarbeit «Online vs. Print: Eine Bestandesaufnahme» zum aktuellen Stand und der Zukunft des Journalismus in der Schweiz befragt.

Drei Kernaussagen für Kurzangebundene

  • Als Gewinner im Onlinemarkt wird jenes Medium hervorgehen, dass die besten Dossiers anbietet, aufwändig und sorgfältig aufbereitete Spezialseiten zu den grossen Themen. Dort kann Online all seine Stärken ausspielen: Multimedialität, Interaktion, Verlinkung externer Quellen.
  • Tageszeitungen wird es auch in zehn Jahren noch geben. Aber sie müssen zu einem elitäreren Produkt werden.
  • Ich glaube nicht, dass es irgendwann immer weniger Journalisten geben wird, denn das Bedürfnis nach gut aufbereiteter Information wird nicht kleiner werden – im Gegenteil.

Das gesamte Interview

    David, du bist als Gastdozent beim MAZ tätig, u.a. mit dem Seminar «Der Journalist 2.0». Definierst du dich als solchen?

    Nein, ich bezeichne mich als Journalist. Wenn man heute als Journalist arbeiten möchte, sollte es selbstverständlich sein, dass man sich mit neuen Medien auskennt; dass man sie als Informationsquelle nutzt, für gezielte Recherchen, um Kontakte zu pflegen, aber natürlich auch, um Inhalte zu verbreiten und Werbung in eigener Sache zu machen. «Journalist 2.0» mag als Weckruf funktionieren für jene, die keine Ahnung haben von alledem. Sonst ist die Bezeichnung überflüssig.

    Aber das Seminar hast doch du so getauft?

    Ja, klar. Er soll die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass der Journalist von heute nicht mehr derselbe ist wie derjenige der Vergangenheit. Trotzdem habe ich den Titel für dieses Jahr geändert, «Journalist im Netz» heisst mein Kurs nun zweideutig. Weil es explizit um Chancen und Risiken geht.

    Wie definierst du einen solchen – sei er jetzt «2.0», oder «im Netz»?

    Die Schreckensvorstellung ist immer die, dass der Journalist zur eierlegenden Wollmilchsau werden muss. Ein Journalist, der während der Recherche gleich noch einen Film dreht, Audiofiles schneidet während er einen Artikel für online schreibt und zwischen Twitter und Blogs noch eine Zusammenfassung für die Printausgabe schreiben und einen Podcast aufnehmen kann. Eine Entwicklung in diese Richtung ist tatsächlich zu beobachten, wenn auch nicht so dramatisch. Ich sehe das als Übergangsphase. Man experimentiert, weil online plötzlich alles möglich ist. In Zukunft wird sich das wieder mehr ausdifferenzieren. Die Anforderungen an Onlinejournalismus sind immens, da entstehen gute Resultate nur, wenn jeder das macht, was er am besten kann.

    Aber muss denn jeder Journalist diesen Wandel mitmachen?

    Jein. Als Journalist muss man sich auf die Neuigkeiten, die die Online-Welt bereitet, einlassen. Man muss die Funktionsweise der Informationsflüsse im Netz verstehen, wissen, wo man sich einklinken kann und wo lieber nicht. Ich finde es stossend, wenn man von gestandenen Journalisten beispielsweise hört, Twitter sei nur nutzloses Gebrabbel. Wo ist da die Neugier, die Journalisten gerne als ihre Kernkompetenz angeben? Die themenbezogene Neugier würde ich gerne auch im technischen Bereich sehen, damit jeder für sich entscheiden kann, wo er steht. Wenn jemand am Ende dieser Entwicklung findet, diese ganze Geschwindigkeit im Internet sei nichts für ihn, kann er problemlos weiter im Printbereich arbeiten.

    Wie stehst du als Nutzer zu den Medien? Was nutzt du mehr, Print oder Online? Wo holst du dir deine Informationen?

    Es ist für mich natürlich schwierig zu unterscheiden, da ich nicht klar trennen kann, wann ich Medienmacher und wann Mediennutzer bin. Etwas kann ich aber dazu sagen: Bei der «Tamedia» ist es üblich, dass man als Mitarbeiter zwei Publikationen gratis nach Hause geliefert bekommt. Als ich Ende Mai bei der «SonntagsZeitung» aufgehört habe, hatte ich aufs Mal diese zwei Zeitungen nicht mehr. Für mich war das eine interessante Erfahrung: Nachdem ich anderthalb Jahre lang ein Tageszeitung lesender Pendler gewesen war, musste ich aktiv entscheiden, ob ich weiterhin Zeitungen lesen wollte. Nun, ich lese seitdem praktisch keine Zeitungen mehr. Und wenn, dann vor allem, um zu sehen, was meine ehemaligen Kollegen so machen. Im Moment vermisse ich sehr wenig davon.

    Worin stechen Onlinemedien die Printäquivalenten aus?

    Die Geschwindigkeit ist das offensichtlichste. Heutzutage ist man daran gewöhnt, die Sachen unmittelbar dann zu erfahren, wenn sie passieren. Früher war es ganz einfach: Zeitungen erklärten, was gestern passiert war. Man nahm dies als News wahr, weil man selbst nicht näher an den Informationsquellen war. Heute kann eine Zeitung nicht mehr wirklich News erzählen. Sie muss ihre Leserschaft als eine ansprechen, welche die News schon kennt, aber eine Einordnung sucht. Wenn eine Zeitung das bietet, bleibt sie relevant. Ich glaube jedoch, dass viele Schweizer Onlinemedien noch zu sehr glauben, Geschwindigkeit sei ihr grösster Trumpf. Ich wünschte mir, dass sie ein wenig Tempo herausnehmen und in Qualität investieren würden. Wenn ich mich bei einer etablierten Marke informiere, will ich eine gewisse Qualität und Tiefe erwarten können, nicht nur eine kurze Beschreibung der News in einem Abschnitt. Als Gewinner im Onlinemarkt wird nach meiner Einschätzung jenes Medium hervorgehen, dass die besten «Dossiers» anbietet, aufwändig und sorgfältig aufbereitete Spezialseiten zu den grossen Themen. Dort kann Online all seine Stärken ausspielen: Multimedialität, Interaktion, Verlinkung externer Quellen.

    Könnte es sein, dass Dein Wunsch nach weniger Tempo und mehr Tiefe in den Online-Medien damit zusammenhängt, dass Du keine Zeitungen mehr liest? Ein Dossier könnte Dir ja eine Zeitung bieten.

    Jein. Eine gute Zeitung liefert das, klar. Aber rein aus Platzgründen kann sie keine beliebig ausführlichen Dossiers über ein einzelnes Thema bringen, nur grössere Momentaufnahmen. Eine Zeitung hat nicht die Möglichkeit, die News in ihrer Gesamtheit und im Kontext ihrer ganzen Entwicklung abzubilden. Man hat im Online-Medium die Chance, ein beliebig grosses Informationspaket zu veröffentlichen, genau so umfangreich, wie es der Redaktion sinnvoll erscheint – im Print kann dieses nur so gross sein, wie es der zur Verfügung gestellte Platz erlaubt.

    Du hast vorhin die Glaubwürdigkeit angesprochen – wie stehst Du zum sogenannten «Mitmachjournalismus»? Stärkt es oder schwächt es die Medien?

    Ich finde es absurd, wenn Journalisten kritisieren, dass auf Twitter und in Blogs ein Jeder etwas behaupten könne und es geglaubt werde. Journalisten tragen zur Verwässerung dieser Grenze bei, indem sie sich selber bei solchen Behauptungen bedienen und sie ungeprüft weiterverbreiten. Genau wir Journalisten müssten die Fähigkeit mitbringen, zwar auch diese Quellen zu erschliessen, dann aber die News auf Glaubwürdigkeit zu prüfen, mit Fachwissen anzureichern und seriös aufzubereiten – dies passiert viel zu wenig. Die Tatsache, dass heute jeder die Chance hat, Informationen weltweit zu verbreiten, bietet viele Chancen, auch für den Journalismus. Auf der Welt gibt es immer irgendjemanden, der sich im behandelten Thema besser auskennt als man selbst als Journalist. Es gibt dementsprechend auch viele kluge Arten, sich mit diesem Wissen von «Nicht-Journalisten» zu bereichern. Artikel online einfach alle mit einer Kommentarfunktion zu versehen, oder jedem, der einen Schnappschuss von einem Unfall schickt, mit 20 Euro zu belohnen, ist nicht der richtige Weg.

    Sondern?

    Es gibt ein wunderbares Beispiel von«The Guardian». Die Redaktion ist in Besitz von Dokumenten gekommen, in denen auf über 450’000 Seiten die Spesen englischer Parlamentarier aufgeführt waren. Die Vermutung war, dass auch ungerechtfertigt Spesen abgerechnet worden waren. Logischerweise war es der Redaktion nicht möglich, eine halbe Million Seiten zu analysieren. Mithilfe von ihrem technischen Team bereiteten sie die Sache so auf, dass jeder Leser selber Spesenabrechnungen sichten konnte (Guardian: Investigate your MPs expeses). Wer aussergewöhnliches entdeckte, war aufgefordert, es dem Guardian zu melden. Fast dreissigtausend Leser haben mitgeholfen, der Sache auf den Grund gehen, über 200’000 Seiten wurden durchforstet. Die gravierendsten Fälle hat der Guardian aufgegriffen und daraus eine vielbeachtete Geschichte gemacht. Das ist meiner Meinung nach ein Paradebeispiel dafür, wie man die Leserschaft gescheit miteinbezieht. Den Lesern wiederum dient der Guardian als seriöser, glaubwürdiger Filter, der die schwierige Aufgabe übernimmt, zu unterscheiden, welche Informationen im Netz richtig sind und welche nicht.

    Wäre es nicht auch wünschenswert, wenn die Menschen selber besser in der Lage wären, Quellen im Netz nach ihrer Glaubwürdigkeit zu beurteilen?

    Ein Stück weit muss man sich sicher damit abfinden, dass es Zeit braucht für diese Entwicklung. Es muss eine gesellschaftliche Entwicklung in die Gänge geleitet werden, damit die Nutzer lernen, sensibler mit Informationen, nicht nur aus dem Netz übrigens, umzugehen. Weil die Internetwelt sich aber so schnell entfaltet hat, war er schwer, sich anzueignen, wie man zwischen «glaubwürdig» und «unglaubwürdig», «wahrheitsgetreu» und «intransparent» zu unterscheiden hat. Die Zeit wird uns das lehren. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass man Schüler früh schon in Sachen Medienkompetenz schulen könnte, ja müsste. Nicht innerhalb eines Schulfachs wie Informatik, sondern eher im Kontext von Workshops, während denen externe Leute eine Art «Aufklärung» analog zur Sexualaufklärung vermitteln. Externe Experten sind nötig, denn Lehrer selbst sind in digitalen Dingen oft weniger bewandert als die Schüler. Andereseits bewegen sich die jungen Leute zwar ganz selbstverständlich im Netz, das Verständnis für grössere Zusammenhänge dagegen fehlt ihnen. Es bräuchte nicht viel: ein paar Inputs, die Relexion anregen und zu einer differenzierteren Auseinandersetzung beitragen.

    Wie siehst du den Journalismus in zehn Jahren? Wird der Beruf «Journalist» als solcher noch vorhanden sein?

    Journalisten wird es sicher noch geben. Ich glaube auch nicht, dass es irgendwann immer weniger Journalisten geben wird, denn das Bedürfnis nach gut aufbereiteter Information wird nicht kleiner werden – im Gegenteil. Die Journalisten, die in zehn Jahren tätig sein werden, müssen in Sachen digitalen Medien sowohl im Umgang, als auch im Verständnis kompetent genug sein. Wenn die Journalisten aus meiner Generation, die sich mit neuen Medien auskennen, in den nächsten zehn Jahren am Ball bleiben, sehe ich keine Gefahr für die Branche. Ich bin auch überzeugt, dass es Tageszeitungen weiterhin geben wird. Vielleicht werden sie sich noch mehr zu einem elitären Produkt entwickeln. Ich denke, dass diese Positionierung nötig sein wird. Das Medium Papier für die Informationsverbreitung wird in zehn Jahren bestimmt elitärer und exklusiver sein. Man wird sich mit einer kleineren Kundschaft befassen und einen höheren Preis für eine Tageszeitung verlangen müssen. Die Kundschaft wird aber auf jeden Fall solange da sein, wie die Qualität vorhanden ist.

    Wie müssen Zeitungen (Online und Print) finanziert werden?

    Das ist die grosse Frage, die alle Verlage zurzeit umtreibt. Es ist klar, dass neue Modelle gefunden werden müssen. Das Bezahlmodell lässt sich, auch wenn das viele Medienmacher glauben, nicht von der analogen in die digitale Welt übertragen. Online kann nur Geld verlangen, wer ein konkurrenzlos gutes Produkt anbietet. Was die meisten Medien heute anbieten, ist nicht konkurrenzlos gut. Eigentlich sollte sich Journalismus online über Werbung finanzieren lassen, da das, was Zeitungsleser effektiv bezahlt haben, jene Kostenfaktoren sind, die im Netz weitgehend wegfallen: Papier, Druck und Distribution. Die Inhalte waren auch bei Zeitungen überwiegend werbefinanziert. Die Onlinewerbung ist aber hierzulande noch sehr unterentwickelt – in Angebot und Nachfrage. Zu wenige Unternehmen investieren in Online-Werbung. Vor allem sind die Werbeformate der Medien noch zu stark an alten Mustern orientiert. Wie Werbung online funktioniert, zeigen Google und Facebook. Personalisiert und direkt darauf abgestimmt, was der Nutzer in dem Moment sucht. Ich kenne die Lösung für diese Herausforderungen wirklich nicht. Es scheint mir aber zentral, dass sich die Verantwortlichen endlich von alten Vorstellungen lösen. Das Internet funktioniert nun mal komplett anders als die analoge Medienwelt.

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