Head of Storytelling, NZZ

10 Schlüssel zu einem besseren Onlinejournalismus

April 7, 2011 (updated on January 28, 2014)

Update 29.10.2011: Eine glückliche Fügung hat dafür gesorgt, dass ich, kurz nachdem ich vor gut einem halben Jahr diesen Artikel veröffentlicht habe, die Chance erhalten habe, genau diese meine Forderungen in die Tat umzusetzen. Seit Juni arbeite ich für die gestern lancierte TagesWoche, ein Hybridmedium mit dem Konzept “News täglich online, Hintergründe freitags gedruckt”. Im wesentlichen habe ich Konzepte für die Online-Präsenz der TagesWoche entwickelt, so dass es sich nun anbietet, meine eigenen Thesen von damals mit je einem Update zu versehen, inwiefern wir bei der TagesWoche sie einzulösen vermögen.

1. Die Besten arbeiten für online

Noch immer ist es in den allermeisten Medienhäusern so, dass die besten Leute für die Printpublikationen arbeiten. Die Edelfedern, die besten Rechercheure, die profilierten Kommentatoren, die beliebten Kolumnisten, sie alle schreiben in erster Linie für print und werden bestenfalls online zweitverwertet. Das muss sich ändern. Wer es mit der Zukunft des Journalismus ernst meint, sorgt dafür, dass die besten Leute in erster Linie für das Onlineprodukt einer Medienmarke und nicht für das Printprodukt schreiben.

TagesWoche: Heute würde ich die These etwas anders formulieren: Die besten Journalisten schreiben für print und online und platzieren jede Geschichte da, wo sie sich am besten entfalten kann. Da die TagesWoche von Null aus beginnt, haben wir nicht das Problem, dass alle guten Leute primär an das Printprodukt gebunden sind. Es ist eine grosse Chance, dass alle Leute verpflichtet wurden, um für beide Medien zu schreiben. Die grosse Herausforderung besteht nun darin, dies bestmöglich zu nutzen.

2. Mehr Transparenz

Jeder online veröffentlichte Artikel sollte über eine Art Making-Of verfügen, das es dem Leser einfacher macht, den Artikel zu verorten und seine Glaubwürdigkeit zu bewerten. Wer ist der Autor, welche Funktion bekleidet er, welches sind seine Spezialgebiete? Was hat er zum vorliegenden Thema schon veröffentlicht, was hat er allgemein schon veröffentlicht? Welches sind die Originalquellen des Artikels, wer sind die im Artikel zitierten Personen und in welchen anderen Zusammenhängen wurden sie schon zitiert? Zu dieser Form von Transparenz gehört es auch, alle Änderungen am Artikel zu dokumentieren, und anzugeben, wie der Artikel überhaupt zu Stande gekommen ist. Ansatzweise zu sehen beispielsweise bei ZEIT Online.

TagesWoche: Mit der Rückseite zu jedem Artikel eingelöst. Muss jetzt konsequent bewirtschaftet werden und ist noch ausbaufähig.

3. Weg mit den Klickmonitoren

Er gehört heute zur Standardausrüstung jeder Onlineredaktion: Der Klickmonitor, der in Echtzeit anzeigt, welche Geschichten wie gut “performen”. Die Folge: Es entsteht ein Zerrbild dessen, was die Leute interessiert, das mehr Argumente für schlechten als für guten Journalismus liefert. Andere Messgrössen müssen in den Vordergrund rücken. Wie lange verweilt der Durchschnittsnutzer auf einer Geschichte? Wie viele Leser haben eine Geschichte geliked, via Twitter verbreitet, per E-Mail versandt, ausgedruckt, gebookmarked? Wie viele Leser haben von einer Artikelseite aus auf “Abos” geklickt oder den RSS-Feed abonniert. Dies sind Indikatoren dafür, dass ein Inhalt tatsächlich geschätzt und für relevant befunden wird, Klicks dagegen drücken primär spontanes Interesse und Neugier aus und können bestenfalls dazu verwendet werden, Titel, Lead und Teaserbild zu optimieren.

TagesWoche: Es gibt bei der TagesWoche keinen Klickmonitor, die Redaktorinnen und Redaktoren haben keinen unmittelbaren Einblick in Web-Statistiken. Was sie sehen: Wie oft ihre Artikel über soziale Netzwerke geteilt wurden, wie viele und wie gehaltvolle Kommentare zu ihren Artikeln abgegeben wurden, wie viele Leser direkt von ihrem Artikel aus Input an die Redaktion geben. Der Algorithmus für die “beliebtesten Artikel” berücksichtigt viele der von mir genannten Faktoren, Page Impressions ist nur einer von vielen.

4. Leser-Kommentare, entschrottet

Wer Mehrwert aus Kommentaren schöpfen möchte, kommt nicht umhin, eine Community von interessierten Mitdenkern aufzubauen und zu pflegen. Idealerweise ist die Community dann selber die lenkende Kraft der Diskussionen auf der Website. Sie ist nach einem Punktesystem in verschiedene Hierarchiestufen gegliedert, je nachdem, wie lange jemand schon dabei ist, wie viele positive Bewertungen er für seine Kommentare erhalten hat, wie vertrauenswürdig ihn andere Mitglieder einstufen. Alle Mitglieder können Kommentare bewerten, ab einer gewissen Punktzahl kann man Artikel ohne Vorabprüfung veröffentlichen, ab einer gewissen Punktzahl schliesslich selber Kommentare anderer freischalten und Diskussionen strukturieren. In den Kommentarspalten selber werden die Kommentare mit den meisten Punkten und solche, die von Community-Managern ausgewählt werden, zuoberst angezeigt.

TagesWoche: In dieser Art nicht umgesetzt. Die Qualitätssicherung geschieht über die Hürde einer Registrierungspflicht und über die redaktionelle Auswahl jener Kommentare, die direkt unter dem Artikel angezeigt werden. Alle Kommentare sind jeweils einen Klick entfernt. Mit einer Community, die nach 24 Stunden bereits über 1500 Menschen umfasst, ist da aber noch einiges an Selbstorganisation denkbar.

5. Gebündeltes Wissen

Die grösste Stärke des Onlinejournalismus besteht nicht darin, beliebig aktuell sein zu können, sondern beliebig umfassend Themen über Zeit verfolgen zu können. Ein gutes Onlinemedium sollte viele Ressourcen darauf verwenden, zu allen wichtigen Themen Dossiers zu erstellen, die laufend aktualisiert und erweitert werden. Journalismus hat zunehmend nicht mehr die Frage zu beantworten: “Was geschieht bei XY gerade?”, sondern “Worum geht’s bei XY eigentlich?”. In einem Dossier können sämtlichen Darstellungsformen vereint werden, um ein informatives und attraktives Gesamtbild zu bieten. Gute Dossiers werden so zu Referenzpunkten zu spezifischen Themen, genauso wie es heute Wikipedia-Seiten sind. Im Idealfall werden im Dossier nicht nur eigene Inhalte verlinkt, sondern jeweils die besten, die es zum Thema gibt. Gute Ansätze: Die Spotlights bei Al Jazeera, die Themenseiten bei Spiegel Online, die Dossiers bei 20Minuten.

TagesWoche: Dossiers sind als Menüpunkt in der Hauptnavigation untergebracht und auf der Startseite prominent angeteast. Die Grundlage ist gelegt, nun müssen Dossiers konsequent aufgebaut und gepflegt werden.

6. Entfesselte Inhalte

Lass deine Inhalte reisen und sie werden dir neue Leser zurückbringen. YouTube ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil man, selbst wenn man nie auf seine Website geht, seinen Inhalten ständig begegnet, in Form von eingebetteten Videos. Nach demselben Prinzip sollten Onlinemedien ihre Inhalte portabel machen, so dass sie jeder auf seiner Website einbinden kann. Der Brand (und selbst integrierte Werbung) verbreiten sich so ganz von alleine im weiten Web und erschliessen neue Zielgruppen. Dasselbe Ziel, auf leicht anderem Wege, erreicht man mit offenen Programmierschnittstellen (API), die es Entwicklern ermöglichen, die Inhalte eines Onlinemediums zu neuen Produkten zu verarbeiten. Im besten Falle entsteht so Innovation am eigenen Produkt, ohne dass man selber die Ideen dafür haben muss. (Gute Beispiele: Das Developer Network des NY Times und die Open Platform des Guardian)

TagesWoche:Mit dem Webcode, der unter jedem Artikel in der Zeitung steht, kann jeder Printartikel sofort online aufgerufen, kommentiert und weiterverbreitet werden. Ein schöner erster Schritt, weitergehende sind bereits angedacht.

7. Live, aber richtig

Im Onlinejournalismus haben sich in letzter Zeit zwei Formen von Live-Tickern als Standardformat etabliert. Der Live-Ticker zu einem Event (Fussballspiel, Tennis-Match, Preisverleihung, etc.) und der Live-Ticker zu einem sich entwickelnden Newsthema (Revolution in Ägypten, Erdbeben in Japan, Krieg in Libyen, etc.). Beides sind gute und sinnvolle Formate – vorausgesetzt, sie werden richtig interpretiert. Ein Event-Ticker braucht Humor, Schärfe und eine klare Autorenmeinung, um interessant zu sein (siehe etwa die Fussballticker beim Guardian oder der Liveblog von 78s zu den Swiss Music Awards). Dem Leser das Matchtelegramm auszuformulieren und zu beschreiben, was er selber im TV sieht, ist unsinnig. Die Kunst des Live-Tickers zu einem Newsthema dagegen besteht darin, Information zu kuratieren und sich selber (als Journalist sowieso, aber auch als Medium) zurück zu nehmen. Der beste Ticker ist derjenige, der die besten Informationen zusammenträgt und verlinkt, egal wo sie publiziert wurden (mustergültig praktiziert von Guardian zu Fukushima). Die Konkurrenz zu verlinken ist hier nicht nur angebracht, sondern zwingend und zum eigenen Vorteil. Die Leser bleiben nämlich an demjenigen Live-Ticker dran, bei dem sie das Gefühl haben, nichts zu verpassen. People come back to places that send them away.

TagesWoche: Wie gut wir das können, wird sich zeigen bei Ereignissen, für die sich Live-Ticker anbieten. Der nötige Humor einerseits und die Bereitschaft externe Inhalte zu verlinken und einzubinden andererseits sind auf der Redaktion beide vorhanden. Das stimmt optimistisch.

8. Spiel mir das Lied von Spiel

Onlinejournalismus braucht mehr spielerische Elemente. Sowohl, was die Aufbereitung journalistischer Inhalte anbelangt, wie auch als Anreizstruktur für mehr Interaktion mit dem Medium. Manche Inhalte, vermutlich mehr als man denkt, lassen sich in Spielform am besten vermitteln. Gute Beispiele sind trockende Budgetverhandlungen als knifflige Denkaufgabe oder künstliche Intelligenz als ganz persönliche Herausforderung. Und warum lässt man bei der Diskussion um eine Volkswahl des Bundesrats nicht tatsächlich jeden sein 7-köpfiges Gremium zusammenstellen und mit seinen Freunden teilen? Interessant auch „Predict The News“ der Huffington Post, das viel mehr ist als ein Ratespiel für Hobbypropheten. Einer Redaktion kann ein solches Tool als Stimmungs-Seismograph dienen, der möglicherweise vor Abstimmungen bessere Erkenntnisse als Umfragen liefern könnte. Game Mechanics können überdies auch genutzt werden, um registrierte Leser für erwünschte Aktionen (Kommentieren, Teilen von Inhalten, etc) zu belohnen, sei es mit virtuellen Badges, exklusiven Inhalten oder Sonderaktionen.

TagesWoche: Ideen sind da, umgesetzt ist bisher nichts.

9. Entwickler in die Redaktionen und in die Köpfe

Journalistische Innovation und Exzellenz entsteht heute oft da, wo Technologie und Inhalt auf clevere Art und Weise miteinander verknüpft werden. Das wird teilweise damit erreicht, dass sich Journalisten ein Grundverständnis von Datenjournalismus aneignen und mindestens ein Spezialist auf der Redaktion sitzt. Es ist aber auch unabdingbar, dass Entwickler und Programmierer genauso eng in die Redaktionsprozesse eingebunden werden, wie es heute die Bildredaktion oder Infografik-Abteilung ist. Damit wird gleichzeitig bei den Journalisten das Verständnis für Darstellungsformen jenseits von Text und Bewegtbild gefördert. Ziemlich gut macht dies offenbar Owni.fr, wobei ich die Redaktion selber nicht kenne.

TagesWoche: Bis wir da erste konkrete Ergebnisse vorweisen können, wir es vermutlich noch eine Weile dauern.

10. Journalisten an die lange Leine

Jedes Onlinemedium profitiert mittelfristig davon, wenn seine Journalisten direkt mit Lesern kommunizieren und sich auch ausserhalb des Mediums profilieren. Sie sind die besten Botschafter, um Leser ans Medium zu binden und neue darauf aufmerksam zu machen. Dafür brauchen die Journalisten aber Zeit und dürfen nicht wie in einer Legebatterie angehalten sein, einen Artikel nach dem anderen rauszuhauen. Es sollte ganz bewusst Teil der Arbeitszeit sein, die Kommentare zu den eigenen Artikeln zu sichten und darauf zu reagieren, über Twitter zu kommunizieren und sich in Blogs und anderen Publikationen zum eigenen Fachgebiet zu äussern.
TagesWoche: Die TagesWoche geht an der Start mit dem Bekenntnis zum Dialog mit der Leserschaft. Alle Redaktoren sind gehalten, auf Kommentare zu ihren Artikeln selber zu reagieren, alle Redaktoren sind mit persönlichen Accounts auf Twitter präsent. Kommt hinzu, dass unsere Redaktion in einem Kaffeehaus untergebracht ist, was einen automatisch in ganz realen Kontakt mit der Leserschaft bringt.

  • http://labs.nzz.ch Florian Steglich

    Immer schön, wenn ein Anderer die eigenen Vorstellungen aufschreibt :)

    Nur einen Punkt sehe ich anders:

    «Wer es mit der Zukunft des Journalismus ernst meint, sorgt dafür, dass die besten Leute in erster Linie für das Onlineprodukt einer Medienmarke und nicht für das Printprodukt schreiben.»

    Wer es mit der Zukunft des Journalismus ernst meint, sorgt dafür, dass alle Leute in erster Linie für alle Produkte einer Medienmarke denken und arbeiten und nicht nur für einen bestimmten Informationsträger.

  • http://www.facebook.com/#!/pages/GAV-f%C3%BCr-JournalistInnen/165706650132755 Laura

    “Weg mit den Klickmonitoren” – Dito.

  • http://merelythinking.net Mmmatze

    Sehr gute Zusammenfassung, der ich auf die schnelle nichts zuzufügen habe. Allerdings hätte ich mir noch mehr Best-Practice-Beispiele gewünscht – da ich nicht zu jedem Punkt selbst eines zur Hand habe.

  • http://www.davidbauer.ch David Bauer

    Florian, danke für die Entgegnung. Ich gebe dir recht. Damit man zu diesem Idealzustand kommt, muss aber Online in der Wahrnehmung von Journalisten und Medienmachern aufgewertet werden. Hierbei würde es nicht schaden, wenn sich mehr profilierte Journalisten zu online bekennen.

    Matze, ich werde, wo möglich, Beispiele nachreichen.

  • http://www.politnetz.ch Andreas Amsler

    David, sehr überzeugend auf den Punkt gebracht! Wir leisten zu einigen der genannten Aspekte Pionierarbeit (und das sag ich hier aus allen andern Gründen als für blödes Fishing-for-Compliments). Ich kann nur schwer abschätzen, ob grosse, hierarchisch organisierte Medienunternehmen alleine intern die gewünschten Innovationen hinkriegen – selbst wenn ich ganz uneigennützig daran glauben möchte. Data Journalism lebt von Openness – (medien)ökonomisches Gärtchendenken kills Innovation.

  • Andreas Thut

    Mein Lieblingspunkt ist #9. Chapeau dafür. Emily Bell vom Guardian sagt das seit mindestens 2006.

  • http://www.politnetz.ch Lukas Peyer

    Mir ist zu #7 die letzen Wochen aufgefallen, dass alle Schweizer Ticker die ich mir angeschaut habe möglichst auf Links verzichtet haben. Ich bin dann beim Guardian hängen geblieben, der es sich zum Sport machte neue Links z.B. zur NYTimes oder Twitter zu posten. Und solange diese Links erstklassig sind bleibt einem gar nichts anderes übrig als zurückzukehren, da sofort das Gefühl aufkommt etwas zu verpassen.

    Was mir an Tickern auch gefällt, ist das sich die Journalisten jeweils an und abmelden. Dass Journalisten oft beinahe Anonym hinter den Artikeln stehen, ist denke ich das grösste Problem der Online Zeitungen. Viele der 10 Punkte würden sich von alleine ergeben, wenn Journalisten eine echte Web-Identität hätten.

  • Kuzorra04

    Sehr guter Artikel!
    Für mich persönlich auch eine sehr schöne Ergänzung von Lukas Peyer zu “People come back to places that send them away.”

    Anmerkung zu 4.
    Diesen festen Kommentatorenstamm mit einer gewissen Größe aufzubauen dürfte nur den “Großen” gelingen. Selbst bei Wikipedia wird die Mehrzahl der Artikel von einem sehr kleinen Kreis erstellt/bearbeitet, was zwar nicht direkt Zensur ist, nichtsdestotrotz schon stark einschränkt was dort auftaucht und was nicht. Die Idee an sich ist sehr sympathisch, aber die User teilen sich doch stark in diejenigen, die “nur” lesen und welche mit mehr Mitteilungsdrang. Sieht man ja auch in vielen Foren, dass die aktivsten Mitglieder mit tausenden Beiträgen ihre Meinung durchsetzen, was natürlich noch leichter wird, wenn diese Mitglieder – wie oben vorgeschlagen – strukturierend eingreifen können.
    Irgendwie ist diese Bewertung der Kommentar-Güte immer sehr subjektiv. Z.B. könnte jemand mit seinem ersten Kommentar den allerbesten Beitrag von allen leisten und dann flieg er mangels Credibility/Punkte durchs Raster, weil “oben” in den Koimmentaren nur die autauchen, die da immer stehen.

    Und: Nein, ich hab keine bessere Lösung an der Hand, wollte mich nur mal mitteilen! :-)

  • http://www.davidbauer.ch David Bauer

    Ich habe eine Reihe von best practice Beispielen hinzugefügt. Für zusätzliche Hinweise bin ich natürlich dankbar.

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  • Mediocritas

    Nette Punktstaffelung aber de facto wird eine Boulevardisierung des (Online)Journalismus nicht aufzuhalten sein.

    In den letzten Jahren wurden, vornehmlich an Fachhochschulen, massiv Studiengänge im Bereich des Medienmanagements bzw. Mediendesigns neu instituiert.

    In der Praxis sind diese Hilfsjournalisten jedoch nicht den freien Berufen anzurechnen und damit erheblich billiger als “normale” Journalisten.

    Zweitens bezweifele ich die journalistische Qualität bzw. den Zugang zu bestimmten Sachverhalten die sich vornehmlich mit klassischen Teilgebieten des Journalismus beschäftigen.
    Es fehlen Politikwissenschaften, Germanistik etc. pp. die Grundlage für Qualität bilden.

    Das beste Köpfe immer für das aktuelle Ziel eingesetzt werden sollen ist selbstverständlich, in anderen Branchen auch üblich, jedoch kaum zu erwarten.

    Vielleicht werde ich jedoch eines besseren belehrt.

    Gruß P aus H

  • Pingback: Kontext-Wochenzeitung: so nicht!()

  • http://www.buerobaron.ch Rolando Baron

    “Leser bleiben einem Medium nicht treu, weil sie dort Inhalte erhielten, die sie sonst nirgendwo fänden, sondern weil sie sich dem Medium zugehörig fühlen, weil sie sich mit dem Medium identifizieren”… als Marketer kann ich diese Aussage nur unterstreichen. Und wenn die Medien verstehen würden, dass sie mehr Identifikations-Plattformen, als Informationsplattformen sind, dann wäre schon viel gewonnen.

  • Journalist

    Onlinejournalismus, Offlinejournalismus, was für hanebüchener Unsinn. Mir als Journalist ist doch vollkommen egal auf welchen Transportwegen meine Filme, Fotos und Artikel den Rezipienten schlussendlich erreichen. Das Material muss gut sein. Bilder müssen fesseln, neugierig machen auf die Information. Informationen müssen fundiert sein. Texte müssen nicht nur informativ sein sondern auch gut zu lesen oder zu hören sein.

    Ob mein Filmbeitrag über das Internet oder DBV-T gesehen wird ist ebenso unwichtig für den Inhalt wie ob meine Fotos und Texte auf Papier oder einem Bildschirm konsumiert werden. Wichtig ist einzig und allein, dass ich Qualitätsjournalismus produziere, egal ob Weltnachrichten oder eine spannende Lokalgeschichte. Der Inhalt auf einem Stück Papier ist genau wie der Inhalt auf einem Bildschirm schlichtweg nur eines meine Produkte – mit denen ich Geld einnehmen muss. Inhalte kosten Geld. Gute Inhalte mehr als schlechte. Ein miserables Bürgerjournalisten-Handyknipsbild sieht online genau so scheiße aus wie offline. Ein gutes Foto eines guten Bildjournalisten sieht online genau so gut aus wie offline. Bilder müssen Themen gekonnt umsetzen und nicht nichts kosten. 60 Zeilen fehlerfrei Deutsch schreiben ist zwar für einige Menschen ein Problem, könnte aber jeder Dritte noch auf die Reihe bekommen. Eine Geschichte fundiert recherchieren (und gegen recherchieren), eine Geschichte gekonnt anfeaturen, den Rezipienten geschickt unterhalten ohne den Informationsfluss aus den Augen zu verlieren – das erfordert sowohl Talent als auch ein Mindestmaß an Ausbildung.

    Mein Ziel habe ich dann erreicht, wenn Oma Paluschke Artikel und Bilder auf Papier ebenso interessiert (vielleicht sogar fasziniert) haben wie Benny4711 am Bildschirm. Mein Ziel habe ich erreicht wenn Oma Paluschke ihren Enkel Benny4711 anruft und sagt: “Bernd, guck ma schnell auf Juhtuhbe, da lief im Dritten Programm gerade eine ganz tolle Reportage über [die Wildpferde in Dülmen OR THEMA DEINER WAHL EINSETZEN]”. Das wird natürlich nicht immer klappen, weil Oma Paluschke dem Benny4711 nicht mit Themen aus ihrer geliebten Rentnerbravo aus der Apotheke kommen braucht.

    Einziger Punkt an dem sich für den Content unterschiedliche Behandlung ergibt ist die Dauer des Publikationsvorgangs bei aktueller Berichterstattung. Hier kann ich die technischen Unterschiede der Transportplattformen nutzen und mittels schneller Medien aktuell und laufen Berichten und die längere Dauer der Herstellung langsamer Medien nutzen die sorgfältige Recherche für Hintergrundberichte anlaufen zu lassen.

    Unter dem Strich bleibt es aber vollkommen schnurz welches Medium meinen Content zum Rezipienten transportiert hat, solange ich damit Einnahmen erziele mit denen ich Gewinn erwirtschafte. Denn ich bin Journalist. Ich verkaufe Informationen und Bilder – nicht Papier und nicht Datenpakete. Die Medien sind nur Mittel zum Zweck.

  • http://www.davidbauer.ch David Bauer

    Lieber anonymer Journalist, kein Grund zur Aufregung. Mir ist nicht daran gelegen, eine inhaltliche Unterscheidung zwischen Online- und Offlinejournalismus zu machen. Wenn Sie meinen Text lesen, sehen Sie, dass ich vorrangig strukturelle Bedingungen beschreibe, die Onlinejournalismus besser machen könnten.

  • Journalist

    Lieber Kollege David,

    es gibt keinen ONLINEJournalismus und keinen OFFLINEJournalismus. Es gibt Qualitätsjournalismus den man auf jeder geeigneten Plattform als Medium verbreiten kann und es gibt BürgerPraktikantenMöchtegernJournalistenKnipsSchmierfinkenMist, den man über die selben Medien verbreiten kann (und es leider auch heute getan wird).

    Journalismus befindet sich in vielerlei Hinsicht in stetigem Wandel: Schreibstil und Vokabular, Darstellungsform und Bildsprache, alles eine Frage des Zeitgeistes und der technischen Möglichkeiten. Dennoch bleibt Journalismus ein Handwerk, das gelernt sein will. Wer ONline und OFFline unterschiedlich behandelt, vor allem qualitativ, begeht schlichtweg handwerkliche Fehler.

    Online First! am Desk produziert von 20-jährigen Praktikanten die mit einer Hand schreiben, mit der anderen Hand fotografieren, mit was auch immer filmen und mit den Zehen das Reportagegerät für Podcasts bedienen sollen und alles binnen Minuten heißt: “Das Material muss ONLINE! Wo bleibt das Material für Online?! Die Nachricht muss online raus!” noch bevor die Fotoknipse, die Flipkamera und der Rekorder ausgeschaltet sind ist genau so gequirlter Unfug wie die besten Leute nur für einen einzigen Vertriebskanal arbeiten lassen und damit andere Produkte ab zu werten.

    So, ich schiebe jetzt mein Material für die ONline und OFFlineverwertung ONLINE raus. Damit Oma Paluschke morgen wenn sie die Printausgabe vorliegen hat mit ihrer Tochter telefonieren kann weil wir ONline UND OFFline so schöne Bilder von der gemeinsamen Lieblingssängerin publiziert haben (was Benny dann schon lange weiß, weil er sich die Fotostrecke mit der super heißen Sängerin schon heute Abend angesehen hat und ungeduldig auf die Ausstrahlung im TV wartet)… :-))))

    Es grüß kollegial Sam, der jetzt erst mal mit den Printausgabe von gestern offline in die Badewanne geht. :-)

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  • http://opalkatze.wordpress.com/ vera

    fragt @Journalist interessiert nach dem tollen Verlag, bei dem man so ideale Arbeitsbedingungen vorfindet, um sich schleunigst dort zu bewerben. Um so neugieriger, da es dort trotz der gegenwärtigen Markt- und Nachrichtenlage auch eine genügend große Belegschaft zu geben scheint, um den Kollegen zumindest ein teilweise freies Wochenende zu ermöglichen.

  • Claus

    Ich muss “Journalist” beipflichten: Journalistmus – guter jedenfalls – ist ein Handwerk.

    Und das wird leider zunehmend vernachlässigt. Unter dem Vorwand modern zu werden, greifen die Kaufleute in den Verlagen die (vermeintlichen) Argumente der Tekkies auf und reden nur noch über Kommunikationsmittel, aber nicht mehr über Handwerkszeug wie Sprache und Inhalt.

    Meine Befürchtung: Nicht der Online-Journalismus wird sich dem (derzeit noch höheren) handkwerklichen Status des Print anpassen, sondern der Print auf die Online-Ebene herabsacken – und damit weitere Argumente für seine Abschaffung liefern.

  • Tilo

    @Journalist: Es ist doch immer wieder erstaunlich, mit welcher Vehemenz durchaus kluge Leute behaupten, durch Online hätte sich praktisch nichts geändert. Das Trägermedium ist für den Inhalt gleichgültig? Nun denn: Füllen wir doch den Spiegel künftig mit tagesaktuellen kurzen Nachrichten. Drucken wir lange Reportagen auf den FAZ-Titel. Verbreiten wir Radiobeiträge per CD und führen wir den Weltspiegel im Kino auf! Ach ja, und der Radionachrichtensprecher liest einfach den Videotext vor.

    Richtig ist: Qualität ist überall gefragt. Aber ein fürs Fernsehen perfekter Film ist noch lange kein angemessener Online-Videocontent, und umgekehrt. Diese Erfahrung macht jeder, der etwas Einblick in die tatsächliche Nutzung hat. Und ein Lesestück muss für online mindestens anders aufbereitet werden, ganz zu schweigen von den befruchtenden Möglichkeiten der Interaktion und der kollektiven Recherche.

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  • http://hofrat.ch/ Hofrat | Clemens M. Schuster

    Eben gelesen: http://sustainablejournalism.org/future-of-journalism/journalism-jobs-may-hold-future und für ebenso gut befunden… Du hast einen Riecher für die Crucial Moments!

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