Journalist. Looking for the next big challenge.

Eine Leistung, die es zu schützen gilt

November 25, 2012

Google hat ein Problem. Über Jahre hinweg hat die Firma viel Geld investiert, damit die Menschen im Netz finden, was sie suchen. Jeden Tag schickt sie unter anderem Millionen Leserinnen und Leser zu Nachrichtenwebsites auf der ganzen Welt.

Das Problem ist: Die Verlage verstehen es viel besser als Google, die Besuche auf ihren Websites zu Geld zu machen. Das ärgert Google. Und obwohl Google mit einer winzigen Anpassung an seinem Algorithmus die Zusammenarbeit aufkünden könnte, tut es das nicht. Ganz verzichten auf die Nachrichtenwebsites will es dann doch nicht.

Da hat Google eine Idee: Es geht an die Öffentlichkeit und lässt verlauten: «Wir tolerieren das Schmarotzertum der Verlage nicht mehr. Die Verlage sollen für all die Laufkundschaft, die wir ihnen vermitteln, bezahlen.» Schliesslich erbringe Google hier eine Leistung und die sei zu schützen. Weil die Verlage nicht freiwillig zahlen, müsse ein Gesetz her, ein Leistungsschutzrecht.

Hier stimmt doch etwas nicht, werden Sie inzwischen sicher denken. Natürlich stimmt etwas nicht. In Wirklichkeit sind es die Verlage, die ein Leistungsschutzrecht und damit von Google Geld fordern – in Deutschland und Frankreich schon länger, in der Schweiz zuletzt auch immer lauter. Denn in Wirklichkeit sind es die Verlage, die Mühe haben, Onlinenutzer zu Geld zu machen.

Speziell ist, dass die Wirklichkeit in diesem Fall absurder ist als das skizzierte Szenario. Stellt man die Leistungen, die die beiden Parteien füreinander erbringen, gegenüber, so ist es wenn schon eher Google, das obendrein eine Bezahlung fordern könnte.

Google liefert den Verlagen Kunden, die sie sonst nicht hätten. Wenn die jeweiligen Besucher genau wüssten, dass sie das, wonach sie suchen, bei der Nachrichtenseite X finden, dann würden sie nicht Google nutzen. Weil sie aber nur wissen, wonach sie suchen, nicht aber, wo sie es finden, nutzen Sie Google und werden von dort weitergeleitet (je nach Nachrichtenwebsite machen die Verweise von Google in der Regel zwischen 20 und 50 Prozent aller Besuche aus).

Dass es ohne die Verlage keine teuer erstellten Nachrichten gäbe, die Google anzeigen könnte, stimmt zwar. Ist aber kein Argument für einen Entschädigungsanspruch. Ohne Versicherungen gäbe es kein Comparis. Ohne Häuser gäbe es kein Homegate. Ohne Fluglinien und Hotels gäbe es kein eBookers. Bei all diesen Suchmaschinen ist es derjenige, der einen Kunden vermittelt bekommt, der bezahlt.

Das gilt sogar für die Offline-Suchmaschine für Verlagsprodukte, den Kiosk. Wie Google bedienen Kioske eine Laufkundschaft von Zeitungen und Magazinen. Wie Google zeigen Kioske Ausschnitte von Artikeln, damit der Kunde weiss, worauf er sich einlässt. Aber natürlich ist es der Kiosk, der von den Verlagen bezahlt wird, dass er ihre Produkte unter die Leute bringt, und nicht umgekehrt.

Sollten die Verlage für Google so unverzichtbar sein, wie sie behaupten, dann dürfte es ja möglich sein, am Verhandlungstisch eine Bezahlung zu erzwingen. Dass stattdessen ein Gesetz gefordert wird, spricht für sich.

Eine gekürzte Version dieses Texts ist am 25.11.2012 in der SonntagsZeitung erschienen.

  • verstört

    Dass die Kioskbesitzer dafür bezahlen müssen, Zeitungen verkaufen zu dürfen, weil damit ihre Attraktivität gesteigert wird, auch Kaugummis zu verkaufen, dürfte der nächste folgerichtige Schritt sein, wenn das Gesetz erst einmal da ist. Es kann ja schließlich nicht sein, dass Kioskbesitzer ihre Kaugummibuden durch das Ausstellen minderwertiger Printprodukte aufwerten und nicht einmal dafür zahlen! So ist Print nicht mehr zu machen!

  • Taubert

    Rupert Murdochs “Times” hat es vorgemacht: Inhalte als “paid content” angebieten, und durch entsprechende “robots.txt” das Indizieren der Inhalte durch Suchmaschinen-Crawler als unerwünscht markieren, schon ist man Herr der eigenen Inhalte. So geschehen im Mai 2010.

    Vor knapp vier Wochen dann das Umschwenken [1]: Suchmaschinen sollen Seiteninhalte der Times nunmehr wieder indizieren [2]. Ohne Grund wird diese Entscheidung kaum revidiert worden sein. Habe leider keine Infos zu den Entwicklungen z.B. der page impressions gefunden – falls jemand über Informationen stolpert, wie es dem Internet-Auftritt der Times von Mai 2010 bis August 2012 so ergangen ist… nur her damit ^^

    [1] http://paidcontent.org/2012/09/26/timesunblockssearch/
    [2] http://www.thetimes.co.uk/robots.txt

  • mikerolli

    Vielleicht ist Deutschland das einzige Land, in dem die
    Regierungschefin mit den mächtigsten VerlegerInnen ein Kaffeekränzchen pflegt.Da möchte man glatt mal Mäuschen spielen

  • http://philippe-wampfler.com Philippe Wampfler

    Es wäre durchaus eine Überlegung wert, ob Google einfach für die Suche bezahlt werden könnte – und die Werbeeinnahmen dann denen gehört, die entsprechende Inhalte anbieten. Das Kiosk-Beispiel hinkt ja insofern, als dass der Kiosk nicht kontextsensitive Werbung einblendet, die gerade mit den Inhalten zusammenhängen, nach denen gesucht wird.
    ///
    Beim letzten Punkt darf nicht vergessen werden, dass der Markt nicht mehr spielt. Google hat effektiv ein Monopol und muss deshalb nicht verhandeln. Es ist nur logisch, dass der Staat eingreifen muss, wenn der Markt versagt.

  • Moon

    Der Makrt versagt, weil es Bing, Yahoo, DuckduckGo, etc. gibt. Ja ne, is klar. Und selbst wenn dies der Fall wäre, würde das immer noch keinen Anspruch der Verleger begründen.

  • http://www.davidbauer.ch David Bauer

    @Philippe
    Kioske zeigen zwar keine kontextsensitive Werbung an, aber sie verkaufen Zigaretten, Süssigkeiten, Getränke,…(an Kunden, die möglicherweise kamen, um eine Zeitung zu kaufen). Das ist einfach ein anderes Geschäftsmodell, aber im Prinzip dasselbe. Oder würden die Verleger anders reagieren, wenn nicht Google, sondern Amazon ihre Inhalte durchsuchbar machen würde?

  • pete

    bemerkenswert zudem: im speziellen news-bereich (news.google.com) bei google ist (zumindest noch) _keine_ werbung zu sehen…

  • http://www.davidbauer.ch David Bauer

    @pete
    Das stimmt. Halte ich allerdings für die grundsätzliche Beurteilung nicht für erheblich. Ob und wie Google die Besuche auf seiner Seite monetarisiert, ist ganz allein ihre Sache (dies auch als Antwort an den Vorschlag von @philippe). Google monetarisiert dabei – anders als das die Verleger gerne insinuieren – nicht die Inhalte der Verlage, sondern seine eigene Aufbereitungsleistung dieser Inhalte. Wie die Verlage ihrerseits die von Google kommenden Besucher monetarisieren, das ist umgekehrt ganz allein ihre Sache.

  • pete

    nicht erheblich, aber es verstärkt das, was die forderung der verleger ist, und die du meiner meinung nach mit dem richtigen Wort bezeichnet hast: absurd.

  • http://philippe-wampfler.com Philippe Wampfler

    @Moon: Google hat in Deutschland und in der Schweiz einen Marktanteil von >95%.

    @David: Natürlich, rechtlich ist es völlig klar, dass Google seine Leistungen monetarisieren darf, wie es will. Die Auslagerung der Suche zu Google führt aber dazu, dass der Platzierung von Werbung im passenden Kontext nicht mehr von Verlagen vorgenommen werden kann (z.B. Erotikanzeigen im Blick, Reisebeilagen in der NZZ, Wintersport-Special in der Sonntagszeitung etc.) Damit meine ich nur, dass das Vorgehen der Verleger in dieser Hinsicht mindestens verständlich ist, auch wenn es nicht »logisch« oder sinnvoll ist.

  • http://www.davidbauer.ch David Bauer

    “Die Auslagerung der Suche zu Google” ist ein gutes Stichwort. Selbstverständlich steht es allen frei, selber eine Websuche aufzubauen. Spätestens dann wird man feststellen, dass das nicht einfach eine simple Datenbankabfrage ist, sondern eine ernsthafte Dienstleistung, die es verdient hat, als solche anerkannt zu werden. Und die er verdient hat, ihr eigenes Geschäftsmodell darauf aufzubauen.

  • http://www.brunobucher.ch Bruno Bucher

    Wieso wohl kann man an Kiosks inzwischen Kaffee trinken, Sandwiches kaufen und sonst noch so allerhand was man früher im Tante Emma Laden kaufen konnte? Richtig, weil die Leute immer weniger Zeitungen und Zeitschriften kaufen! Der Kostendeckungsbeitrag der Verlage an die Valora AG fällt immer geringer aus, so dass Valora AG diversifizieren muss. Das geschieht auch bei Google. Google werkelt genauso an der Diversifizierung, weil der Anteil des Verlagverkehrs ständig sinkt. Angenommen, diese Entwicklung läuft schneller ab als die Verlage den drohenden Wegfall der Google-Vermittlung kompensieren können. Sterben dann die Verlage schneller? Wegen dieser Abhängigkeit haben wir uns überlegt, wie man einen kleinen Teil der gesamten Abschöpfung aller Googles dieser Welt besteuern kann, damit Mittel im Kreislauf bleiben, indem der Journalismus gefördert wird. Das ist das vorausblickende Momentum der Stunde.

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  • http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2012-12/25377367-nokia-ergaenzt-lumia-smartphones-um-guenstigeres-modell-016.htm Narcisa

    Ich bin fest davon überzeugt, dass die Verlage weit eher etwas an Google und der Werbung, die Google für sie durch die Artikelschnipsel produziert verdienen als umgekehrt.

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