Drum prüfe, wer sich ewig bindet
December 21, 2007 (updated on December 31, 2007)
Die langen blonden Haare seiner Freundin sind ihm zu viel. Er kann nicht mehr. Die Schmerzen sind zu stark. Stefan, so wollen wir ihn nennen, denn seinen Namen möchte er nicht sagen, lässt sich das Gesicht seiner Freundin auf die linke Brust tätowieren. Seit bald zwei Stunden stechen sieben Nadeln bis zu neunzig Mal pro Sekunde in seine Brust und bringen schwarze Kohlenstoff-Farbe unter seine Haut. Immer wieder presst er die Augen zusammen, seine Hände krallen sich an der Armlehne der Liege fest. Sein Bauch bewegt sich unter einem Frottiertuch auf und ab, er atmet tief. Sein Gesicht glänzt vom Schweiß, die Brust ist stark gerötet von den Einstichen. Immer wieder gibt es Phasen, in denen das Tätowieren nicht besonders schmerzt, wenn unter der Nadel nicht so viele Nerven liegen. Dann kommen wieder Stellen, wo Stefan unvermittelt die Zähne zusammenbeißt. Immer bei den Haaren. Die langen Haare, die über dem Brustbein liegen und an der Seite seines Körpers. „Kannst du noch?“, fragt ihn Ernst Günter Götz, der Tätowierer. Stefan nickt. Doch als Götz zur nächsten Linie ansetzt, gibt Stefan auf. Er braucht eine Pause.
Die älteste Tätowierstube in Deutschland liegt am Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn. Das Studio befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnhauses, in der Umgebung finden sich Sex-Shops, schummrige Bars und die „Schlemmer-Ecke“, wo Hausmannskost serviert wird. Durch einen dunklen Gang kommt man zum Studio. An den Wänden hängen Bilder von großflächig farbig tätowierten Menschen. Es riecht nach Rauch. Das Studio selber ist sehr hell. Die Decke des hohen Raumes zieren vergoldete Stuckaturen, ein alter Ventilator hängt in der Mitte der Decke, in einer Ecke läuft ein Fernseher. Eine hüfthohe Theke trennt den Besucher von den zwei Liegen, auf denen die Kunden Platz nehmen, wenn sie tätowiert werden.
Ernst Günter Götz, der Inhaber der Tätowierstube, sieht nicht so aus, wie man sich einen Tätowierer vorstellt. Er trägt blaue Jeans, ein violettes Flanellhemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Er hat graue kurze Haare, einen grauen Zehntagebart und trägt eine Brille mit feinem Silbergestell. Mit dem Schlüsselbund, der an seiner Hose hängt und der bei jeder Bewegung klirrt, sieht er aus wie der Hausmeister des Wohnhauses. „Ich bin nicht tätowiert“, sagt er.
Stefan raucht im Eingangsbereich. Seine neunte Zigarette, seit er gekommen ist. Er ist 35 Jahre alt, leicht untersetzt, hat schulterlange Haare und spärlichen Bartwuchs. „Das ging bis in die Zehenspitzen“, sagt er über die Schmerzen und wirkt dabei gelassen. Er nimmt die Schmerzen hin, die Tätowierung bedeutet ihm viel. Er habe viel falsch gemacht in seiner Beziehung, letzte Woche habe er sich richtig mit seiner Freundin gezofft. Jetzt ist alles geklärt, sagt er. Die Tätowierung ist ein Liebesbeweis, ein Zeichen dafür, dass er sich bessern möchte. Er will sein Problem mit dem Alkohol in den Griff bekommen, hat jetzt auch eine Therapie begonnen. Das Bildnis seiner Freundin ist bereits deutlich auf seiner Brust zu erkennen, Stefan ist zufrieden.
Als Stefan vor einer Woche zum ersten Mal ins Studio gekommen war mit seinem Tattoo-Wunsch, hat ihn Götz wieder nach Hause geschickt. Nichts ist für die Ewigkeit, ein Tattoo schon, darüber solle er gut nachdenken. Götz ist direkt und schonungslos, wenn er Kunden berät. „Ihr macht alle das, was alle haben“, sagt er zu Mathias, 34 Jahre alt, Lüftungsbauer. Mathias möchte in alt-englischen Lettern das Wort „Niemals“ auf seinen linken Unterarm tätowieren lassen. Alt-Englisch sei im Trend, seit Robbie Williams und David Beckham Tattoos in diesem Stil haben, erklärt Götz. Mathias rutscht auf dem Stuhl umher, auf dem Platz genommen hat, so dass dieser quietscht, und fragt: „Ist es nicht außergewöhnlich?“ – „Nein“, antwortet Götz.
Götz sieht es als seine Aufgabe an, als Fachmann seine Kunden zu beraten. Nur so wird der Kunde sein Leben lang an seinem Tattoo Freunde haben, ist Götz überzeugt. „Früher wollten alle eine außergewöhnliche Tätowierung, heute suchen alle eine außergewöhnliche Körperstelle. Meine Aufgabe ist es, eine außergewöhnliche Tätowierung an die richtige Stelle zu setzen.“ Viele Kunden würden irritiert auf seine Kritik reagieren, auch beleidigt. Götz wundert sich: „Überall vertraut man dem Fachmann. Aber beim Tätowieren meinen die Leute, sie wüssten es selber am besten“.
Jeder zehnte Deutsche ist heute tätowiert – rund acht Millionen Menschen -, unter 29 sogar jeder vierte. Alleine in Hamburg gibt es zurzeit rund hundert Tätowierer. An Knastis und Matrosen denkt bei Tätowierungen niemand mehr, Götz hat diese Zeiten noch miterlebt und ist froh darüber, dass sie vorbei sind. Und doch hat der traditionelle Körperschmuck nicht den besten Ruf. Jeder kennt jemanden, der schlechte Erfahrungen mit Tattoos gemacht hat, meint Götz. Entzündungen und schief gestochene Motive sehe er fast täglich. Verantwortlich dafür sind die vielen schlechten Tätowierer, die dem Ruf des ganzen Handwerks schaden. Der Boom der letzten Jahre hat viele Mitläufer gebracht, sagt Götz, der selber schon seit dreißig Jahren im Geschäft ist; unseriöse Tätowierer, die nur daran interessiert sind, Geld zu verdienen. Er setzt sich hin, um zu erzählen: Von Tätowierern, die keine gerade Linie stechen können, solchen, die ohne jede Hygienemassnahmen arbeiten. Und dann ist da noch derjenige, der einen Pokal mit der Gravur „Tattoo-Weltmeister“ im Studio stehen hat. Es gibt keine Tattoo-Weltmeisterschaft. Götz’ eindringlicher Blick fordert dazu auf, seine Entrüstung zu teilen.
Götz will nicht, dass man meint, er sei ein solcher Tätowierer. Er will sich von der Masse abheben, auch äußerlich. Darum ist Götz „nicht tätowiert“, wie er sagt. Natürlich ist er tätowiert. Was er meint: Für jemanden, der in ihn nicht kennt, erscheint er nicht tätowiert. „Glaubst du, im Theater würde ich mit jemandem ins Gespräch kommen, wenn ich ein riesiges Spinnennetz auf den Hals tätowiert hätte?“. Genau solche Gespräche ermöglichen es ihm aber, Vorurteile zu widerlegen und das Image von Tattoos und Tätowierern zurecht zu rücken. Er will nicht, dass sein Metier schlecht dasteht in der Öffentlichkeit.
Der Boom der letzten Jahre bringt Götz heute viele Kunden. Ein Großteil der Tätowierungen, die er sticht, sind so genannte Cover-Ups. Er bessert schlechte Tätowierungen nach – „du glaubst nicht, wie viele Scheiß-Tätowierungen ich schon gesehen habe“ – oder überdeckt eine nicht mehr erwünschte Tätowierung mit einer anderen, größeren.
Auch wer eine Tätowierung ganz los werden will, muss nicht mehr wie früher zu riskanten, schmerzhaften Methoden greifen. Noch vor zehn Jahren wurden Tätowierungen abgeschliffen oder mit dem Skalpell herausgeschnitten. Heute beschießt man sie mit Laser, so dass die Farbpigmente bei mehreren hundert Grad Celsius zerbersten. Die ambulante Behandlung, die mehrmals wiederholt werden muss, schmerze weniger stark als das Tätowieren, sagen Patienten. Die dreißig Nanosekunden langen Impulse aus dem Rubinlaser fühlten sich wie kleine Nadelstiche an, nach der Behandlung spüre man ein leichtes Brennen – und ein leichtes Unwohlbefinden, wenn die Rechnung kommt. Stefans Tattoo zu entfernen würde zwei bis drei Tausend Euro kosten, das Stechen kostet rund dreihundert Euro.
Stefan drückt seine zehnte Zigarette aus, trinkt seinen fünften Kaffee leer. Noch zehn Minuten muss er durchhalten. Nur noch ein paar Feinheiten müssen gestochen werden. Vor allem bei den Haaren, den langen blonden, schmerzhaften. Götz hat die Stelle inzwischen mit einer Paste leicht betäubt. Noch einmal reibt er die Haut mit Vaseline ein, um sie geschmeidig zu machen. Als er schließlich die Nadel wieder ansetzt, zeigt Stefans Gesichtsausdruck, dass die Betäubung wenig wirkt. Umso willkommener ist die Ablenkung, als Götz einen Anruf entgegen nimmt und mit dem Telefon zwischen Schulter und Kinn geklemmt weiter tätowiert. Götz verfeinert die Haarpracht der jungen Frau nochmals. Dann verstummt das Surren der Tätowiermaschine. Stefans Oberkörper glänzt vor Schweiss, seine Augen vor Freude und Erleichterung. Sein Blick wandert auf seine Freundin auf seiner Brust und bleibt, ein wenig stolz, dort haften.
David Bauer.


























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