Der tägliche Guerillakampf
December 27, 2007 (updated on October 24, 2009)
Jeder siebte fühlt sich als Mobbing-Opfer. In der Hälfte der Fälle ist der direkte Vorgesetzte der Täter.
Von David Bauer.
Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Karriere Extra
Datum: 7. Oktober 2007
Der arme Fuchs. Er war das erste offizielle «Mobbingopfer» der Geschichte. Gemobbt von Gänsen, die er eigentlich fressen wollte. Stattdessen griffen ihn die Gänse an und schlugen ihn in die Flucht. Der Wiener Verhaltensforscher Konrad Lorenz beobachtete dieses Verhalten und prägte Anfang der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts den Begriff «Mobbing»: Unterlegene Tiere greifen im Gruppenverband ein überlegenes an – Gänsemob attackiert Fuchs.
Erst später wurde der Begriff auf den Menschen übertragen und breiter gefasst. Mobbing in der Arbeitswelt heisst heute, auf einen einfachen Nenner gebracht: jemanden regelmässig und systematisch schikanieren, meist um sich selber einen Vorteil zu verschaffen. Ob alleine oder in der Gruppe, ob als Gans oder als Fuchs, das spielt keine Rolle.
«Mobbing ist ein Modethema, aber eines mit Substanz», sagt Marianne Biedermann von der Beratungsstelle BeTrieb. Die Zahlen sprechen für sich: Etwa jeder siebte Arbeitnehmer in der Schweiz sagt, dass er offen oder verdeckt bei der Arbeit schlecht gemacht werde, dies ergab eine repräsentative Umfrage der Zeitschrift «Beobachter» im vergangenen Jahr. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat in einer gross angelegten Mobbingstudie im Jahr 2002 festgestellt, dass damals rund 10 Prozent der Arbeitnehmer von Mobbing betroffen waren oder sich davon betroffen fühlten.
Auch wenn die Zahlen je nach Erhebung unterschiedlich ausfallen, klar ist: Mobbing ist weit verbreitet – in der Schweiz mehr noch als in anderen Ländern, heisst es ebenfalls in der erwähnten Seco-Studie.
«Grundsätzlich kann es jede und jeden treffen», sagt Claudia Stam, Psychologin bei der Mobbing Beratungsstelle Zürich & Bern. Doch: Nicht jeder ist gleich anfällig. Wer man ist und wo man arbeitet, spielt eine grosse Rolle.
Der Glauben an das Gute im Menschen ist ein Risikofaktor
Das Opfer: «Sensible, unsichere Menschen, die sich schlecht zu wehren wissen, können schneller zu Mobbingopfern werden», sagt Stam. Eine Studie der Universität Wien beschreibt das typische Opfer: Es hat ein starkes Harmoniebedürfnis, ist sehr gewissenhaft und glaubt an das Gute im Menschen. Oft trifft es die, die sich bei der Arbeit persönlich stark engagieren, denen Wertschätzung deshalb besonders wichtig ist. Ausländer sind häufiger von Mobbing betroffen als Schweizer. Zwischen Männern und Frauen gibt es dagegen kaum Unterschiede.
Die Branche: «In Branchen, wo Leistung schwer messbar ist, tritt Mobbing besonders häufig auf», sagt Biedermann. So wird etwa besonders viel gemobbt unter Lehrerinnen und Krankenpflegern. Aber auch in NGOs – nicht staatlichen Organisationen –, Kirchen und der öffentlichen Verwaltung tritt Mobbing überdurchschnittlich oft auf. Die Leistungen zweier Investmentbanker lassen sich leicht vergleichen, «aber wer urteilt, ob eine Predigt gut oder schlecht ist?», fragt Biedermann. Hinzu komme: «In diesen Berufsgruppen haben die Menschen oft einen starken emotionalen Bezug zu ihrer Arbeit, der Beruf ist Berufung.» Das mache sie anfälliger für Mobbing.
Der Betrieb: Das Betriebsklima kann Mobbing wesentlich begünstigen. Wenn Kompetenzen nicht klar verteilt sind oder die Kommunikation nicht richtig funktioniert, keimen Konflikte schnell auf. Fehlende Konfliktkultur und ein unfähiger Chef tun das ihrige dazu. Besonders heikel wird es, wenn um Stellen gerangelt wird: Wenn etwa ein Stellenabbau bevorsteht oder mehrere Leute gleichzeitig eine schmale Karriereleiter emporklettern wollen. Dann ist jeder sich selbst der Nächste, und manch einer greift zu unfairen Mitteln.
In mehr als der Hälfte aller Fälle ist der direkte Vorgesetzte der Täter, so die Studie des Seco. Die Untersuchung der Universität Wien bestätigt dies: Mässig qualifizierte Führungspersonen mit labilem Selbstwertgefühl seien besonders als Täter geeignet, heisst es dort. Unter Kollegen ist es laut Psychologin Stam meist Neid oder die Angst vor Konkurrenz, die jemanden dazu bewegt, einen anderen zu mobben.
Die Folgen sind gravierend. «Wenn die Leute zu uns in die Beratung kommen, ist die Situation meist schon sehr weit fortgeschritten, nicht selten schon eskaliert», sagt Claudia Stam von der Mobbing-Beratungsstelle: «Oft können wir nur noch eine Kündigung empfehlen.» Ziel der Beratungsstelle sei es aber grundsätzlich, den Mobbingopfern alle Möglichkeiten aufzuzeigen, die sie haben. Bei Bedarf verweist man die Opfer an Spezialisten weiter. «Die meisten benötigen die Hilfe eines Psychotherapeuten, viele müssen wir auch in ärztliche Behandlung übergeben», sagt Stam. Die gesundheitlichen Folgen von Moobing sind vielfältig: Von allgemeinem Schwächegefühl über Schlafprobleme und Rückenschmerzen bis zur Depression.
Berechtigte Kritik hat nichts mit Mobbing zu tun
Marianne Biedermann von BeTrieb ist froh, dass Mobbing verstärkt zum Thema wird. Sie erlebt aber auch, dass dadurch immer mehr Leute das Gefühl haben, sie würden gemobbt – ein Nebeneffekt, den die Sensibilisierungsarbeit mit sich bringt. Denn: Nicht jede Auseinandersetzung ist Mobbing. Berechtigte Kritik des Vorgesetzten ist ebenso wenig als Mobbing zu bezeichnen wie einmalige Konflikte oder solche zwischen gleich starken Parteien. Erst wenn jemand regelmässig und über mehrere Monate hinweg schikaniert wird, ist dieser Begriff angebracht. Typische Mobbinghandlungen sind zum Beispiel: Jemand wird wie Luft behandelt, jemand wird lächerlich gemacht, oder es werden falsche Gerüchte verbreitet.
Rechtlich ist Mobbing, anders als etwa sexuelle Belästigung, nicht explizit geregelt. Doch die Arbeitgeber werden in die Pflicht genommen: Das Arbeitsgesetz verpflichtet sie, für die körperliche und seelische Gesundheit ihrer Angestellten zu sorgen. Ausserdem müssen sie im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht verhindern, dass Angestellte in ihrer Persönlichkeit verletzt werden. Sonst kann es schnell sehr teuer werden: 2004 musste eine Gemeindeverwaltung im Kanton Waadt einer ehemaligen Angestellten 273000 Franken Schadenersatz und Genugtuung bezahlen, weil sie gemobbt worden war. Der entsprechende Entscheid des Bundesgerichts gilt als richtungsweisend, weil er diesen Tatbestand klar sanktioniert.
Der Kampf gegen Mobbing stellt für jedes Unternehmen eine Herausforderung dar. Die auch mehr und mehr angenommen wird, wie die Erfahrungen der Beratungsstelle BeTrieb zeigen. Unternehmen verschiedenster Couleur lassen sich von der Organisation beraten, wie sie Mobbing vorbeugen können und mit konkreten Konfliktfällen umgehen sollen. Das Thema ist heute in den meisten Betrieben angekommen. Wenn Claudia Stam aber konkret nachfragt, erhält sie noch immer oft die Antwort: «Mobbing? Bei uns gibt es das nicht.»
Ich werde gemobbt – was kann ich tun?
- Sprechen Sie Konflikte frühzeitig an. Je früher Sie sich wehren, desto leichter lässt sich Mobbing stoppen oder lassen sich Missverständnisse klären.
- Dokumentieren Sie alle Vorfälle, damit Sie bei Bedarf beweisen können, dass sie gemobbt werden.
- Suchen Sie ein klärendes Gespräch mit der Person, die sie mobbt. Ziehen Sie wenn nötig eine Vertrauensperson hinzu. Wenn das Gespräch erfolglos bleibt: Konfrontieren Sie die Person schriftlich und senden Sie eine Kopie an Ihren Vorgesetzten.
- Wenden Sie sich direkt an ihren Vorgesetzten. Wenn Ihr Vorgesetzter Sie mobbt, wenden Sie sich an seinen Vorgesetzten, den Personalchef oder an den betrieblichen Sozialdienst. Ihr Arbeitgeber ist verpflichtet, Sie vor Mobbing zu schützen. Fordern Sie dieses Recht ein, wenns sein muss auch schriftlich.
- Wenn Sie gesundheitliche Probleme haben, reden Sie mit dem Hausarzt offen über die Ursachen.
- Suchen Sie juristische Hilfe, wenn alles andere erfolglos geblieben ist und Ihr Arbeitgeber Ihnen die Unterstützung nicht gibt. Rechtlich ist es möglich, die Arbeit zu verweigern, bis sich die Situation gebessert hat, oder fristlos zu kündigen, wenn Ihnen die Arbeit nicht mehr zuzumuten ist. In beiden Fällen ist es möglich, Schadenersatz oder Genugtuung zu fordern.
- Generell gilt: Zögern Sie nicht, professionelle Hilfe zu suchen, wenn Sie alleine nicht mehr weiterkommen


























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