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Der Fall des US-Empires und die Aussagekraft des Fragezeichens

September 20, 2008 (updated on October 24, 2009)

“Droht dem US-Empire der Fall?”, fragt heute Tagesanzeiger.ch an prominenter Stelle. Derzeit steht die Story mit diesem Titel an oberster Stelle auf der Startseite. Kein Wunder, denkt man sich, bei einem derart brisanten Thema. Da geht es schliesslich um den Fall des US-Empires.

Naja, es wird danach gefragt. Eine alte Regel besagt: Steht im Titel eines Artikels eine Frage, so lautet die Antwort in den allermeisten FĂ€llen: Nein. In besonders gĂŒnstigen FĂ€llen vielleicht: Ja, unter ganz besonderen UmstĂ€nden und stark zugespitzt gesagt. Aber nie: Ja.

Denn wenn die Antwort Ja oder annĂ€hrend Ja wĂ€re, wĂŒrde da kein Fragezeichen stehen. “Dem US-Empire droht der Fall” klĂ€nge dann nĂ€mlich auch viel knackiger als Schlagzeile. Das Fragezeichen im Titel ist nach journalistischen LehrbĂŒchern eigentlich ein Tabu (allerdings mit der etwas merkwĂŒrdigen BegrĂŒndung, dass ein Journalist Antworten liefern solle, keine Fragen stellen). Gerade im Boulevard- und dem Boulevard-nahen Journalismus wird das Fragezeichen in Titeln aber sehr gerne eingesetzt.

Das hat einen einfachen Grund. Es lassen sich damit wunderbar gewagte Thesen formulieren (die von Leser genau als solche angenommen werden), ohne dass man sich auf die Äste der Ungewissheit hinauslĂ€sst. “Ich habe ja nichts behauptet, ich habe nur etwas gefragt…”. Gewagte Thesen mit Fragezeichen verkaufen sich logischerweise besser als differenzierte AbwĂ€gungen ohne Fragezeichen.

Das genannte Beispiel aus dem Tagesanzeiger ist vergleichsweise harmlos. Immerhin handelt es sich um ein Interview, in welchem TatsĂ€chlich die Frage aus dem Titel behandelt wird (aber natĂŒrlich tendenziell mit einem Nein beantwortet wird, wie ja der Leadsatz bereits verrĂ€t).

Doch wer sich achtet, wird bei der tĂ€glichen Zeitungs- und Onlinemedien-LektĂŒre auf allerlei Fragen in Titeln stossen, mit teilweise haarstrĂ€ubenden Thesen. Und wenn irgendwo ein schlimmes Verbrechen geschehen ist, dann wird ganz bestimmt irgendwann jemand fragen: Ist ER der Mörder? (mit Bild darunter). Und die Antwort im Text wird lauten: Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

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