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Bla-Bla-Blogger – die Rebellen versinken im Mittelmass

November 16, 2008 (updated on October 24, 2009)

Ihrem Anspruch auf Themensetzung werden Schweizer Weblogs nicht gerecht.

Von David Bauer

Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Multimedia
Datum: 02.11.2008

Was hat man Blogs nicht alles zugetraut. Was haben sich Blogautoren selber nicht alles zugetraut. «Millionen von Weblogs ergänzen die klassische Medienlandschaft um unabhängige Stimmen», war 2005 zu lesen im Buch «Die heimliche Medienrevolution». Das amerikanische «Time Magazine» sah mit den Blogs gar eine «Schattenmacht» entstehen, die den klassischen Medien das Meinungsprimat streitig machen würde. Noch heute gefällt sich manch ein Blogger in der Rolle des tollkühnen Rebellen wider den Mainstream.

Die Fakten allerdings zeichnen ein anderes Bild. In der Schweiz bleibt nach der Euphorie von damals vor allem eins: Ernüchterung. Meinungsstarke Inputgeber und Querdenker in der Blogszene sind an einer Hand abzuzählen. In ihrer Gesamtheit bieten die mehreren Tausend Schweizer Blogs langweiliges Mittelmass. Ein Mittelmass, das sich inhaltlich am Mainstream orientiert, zu dem man als Alternative angetreten ist.

Der 27-jährige Programmierer Benjamin Rüegg nimmt der Blogosphäre täglich den Puls. Er betreibt die Blogsuchmaschine slug.ch, welche die meisten Schweizer Blogs erfasst. Seine Bilanz nach über drei Jahren fällt ernüchternd aus: «Je länger ich mich mit Schweizer Blogs befasse, desto langweiliger scheinen sie mir.»

Kein Wunder. Die vorherrschenden Themen in den Schweizer Blogs sind stets dieselben. Monat für Monat vorneweg: Google und iPhone. Dazu Musik, Microsoft und Apple. Das zeigt die Auswertung von über 500 000 Blogeinträgen, die die Suchmaschine seit 2005 durchforstet und nach Schlagwörtern analysiert hat.

Wenn einmal ein Thema aus diesem technischen Grundrauschen herausragt, dann ist es eines, das schon omnipräsent ist.

Die Blogs sind nur das Echo der klassischen Medien

Als am 20. Juli publik wurde, dass Armeechef Roland Nef seiner Lebenspartnerin nachgestellt hatte, schwammen Schweizer Blogger mitten im Mainstream mit. Innert drei Tagen kam Samuel Schmid auf 122 Nennungen, Roland Nef auf 63. Auch über Bundesrat, Armeechef und Armee wurde plötzlich überdurchschnittlich viel geschrieben.

Kurz darauf hatte Barack Obama seinen grossen Auftritt in Berlin. Fernsehen, Zeitungen, Radios, alle berichteten fleissig. Und die Blogger boten: more of the same. Zwei Tage später dreht sich wieder alles um das iPhone. Auch im Oktober können Schweizer Blogs nicht mit eigenen Themen aufwarten. Am meisten geschrieben wurde über Google (457 Artikel), die Finanzkrise (352), das iPhone (212), Obama (134) und Jörg Haider (81). Man muss bis Rang 101 der meist gebloggten Begriffe gehen, um abseits des Mainstreams zu landen: bei «Thinkabout», einem Blogger.

Der Mechanismus ist einfach. Wann immer ein Thema die klassischen Medien dominiert, findet es sein Echo in den Blogs. Palin, Finanzkrise, UBS – stets schwillt das Interesse in den Blogs vorhersehbar an, genau wie in den klassischen Medien. Überraschende Themen, die sonst nicht zum Zug kommen, sucht man im ganzen Jahr vergeblich. Einzige Ausnahme: Wenn Blogger über Blogger bloggen, bloggen Blogger Bloggern nach.

Der Vorwurf ziele ins Leere, meint Ronnie Grob, einer der bekanntesten Blogger der Schweiz. Der gebürtige Aargauer schreibt für medienlese.com und ist ein grosser Verfechter von Blogs. «Die meisten Privatblogger haben keine speziellen Ambitionen. Ich verstehe nicht, weshalb man sie an Produkten von Verlagen misst, die Geld für Inhalte zur Verfügung haben.» BloggingTom, ein anderer Exponent der Szene, ergänzt: «Den meisten Blogs fehlen die Quellen, um überhaupt eigene Storys zu bringen.»

Da aber auch für Blogger eigene Inhalte und fundierte Meinungen mehr und mehr zum Kapital werden, vollzieht sich eine Zweiteilung. Die Tendenz geht dahin, dass sich ambitionierte Blogs professionalisieren und klassischen Onlinemedien annähern. Es wird vermehrt in Teams gearbeitet und die streng chronologische Darstellung aufgebrochen. In klar definierten Nischen gelingt es diesen Angeboten, sich zu etablieren und ein nennenswertes Publikum zu erreichen.

Bekanntestes Beispiel ist die amerikanische «Huffington Post». Als Weblog von Arianna Huffington gestartet, gehört die Website heute zu den einflussreichsten Onlinemedien der USA. Unter den 100 weltweit meistverlinkten Blogs finden sich fast nur noch solche professionell betriebenen Angebote. Mit Blogs im ursprünglichen Sinne, als persönliche Publikationsplattformen, haben sie nur noch wenig zu tun.

In der Schweiz wird diese Entwicklung vom Zürcher Verlag Blogwerk vorangetrieben, der fünf Themenblogs herausgibt und rund 45 Autoren beschäftigt. Zurück bleibt eine Blogosphäre, die an ihren eigenen Ansprüchen scheitert und kaum Beachtung findet. Wer pro Woche mehr als 1000 Besucher auf seinem Blog hat, landet bei der Suchmaschine slug.ch bereits unter den 25 meistgelesenen Blogs der Schweiz. Das verleitet auch einen Blogger erster Stunde, Christian Leu alias Leumund, zu einer wenig euphorischen Bilanz: «Die Schweizer Blogszene stagniert. Viele Blogs kommen nicht über 100 regelmässige Leser hinaus. Keine Tendenz zum Aufstieg, keine zum Abstieg.»

«Blogs mit spannenden Inhalten gibt es wenige»

Am Medium Weblog an sich kann es nicht liegen. Es bietet eine hervorragende, weil einfache und kostengünstige Plattform für Einzelkämpfer, sich mit eigenen Ideen zu profilieren. Der Schweiz fehlen offenbar die Charakterköpfe, die dieses Potenzial nutzen und alternative Themen setzen können. Oder sie erhalten innerhalb der Szene nicht die nötige Unterstützung, damit ein Thema weitere Kreise ziehen könnte.

So sind es Sonderfälle, die mit ihren Blogs vereinzelt Akzente setzen. Der oberste Blogger der Schweiz etwa, Bundesrat Moritz Leuenberger (siehe Interview nebenan), oder der Sektenexperte des «Tages-Anzeigers», Hugo Stamm. Selbst Blogverfechter Ronnie Grob hält die Schweizer Blogosphäre für «unterentwickelt» und sagt: «Ich bin nur in Einzelfällen begeistert. Blogs mit spannenden Inhalten gibt es wenige.»

Das amerikanische Technologiemagazin «Wired» ging jüngst so weit, Blogs ganz abzuschreiben. Allen, die noch einen Blog betreiben, rät es: «Stecker ziehen!» Ganz so radikal muss die Reaktion nicht ausfallen. Es reicht schon, wenn der Mythos Blog aufgegeben und durch ein realistisches Bild der Lage ersetzt wird. Blogs sind ein Medium mit Potenzial, einige wenige sind in der Lage, dieses zu nutzen. Erfolgreiche Blogs verwandeln sich zunehmend in Online-medien. Die grosse Masse, gerade in der Schweiz, bleibt ein halb öffentliches Kommunikationsmittel unter Insidergruppen, ohne Wirkung nach aussen. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.

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