Head of Visuals, NZZ

Zwitscher mir einen

February 8, 2009 (updated on February 8, 2013)

Der Kurznachrichtendienst Twitter ist beste, schnellste Unterhaltung und ein personalisierter Nachrichtenticker

Von David Bauer

In maximal 140 Zeichen der Welt mitteilen, was man gerade tut. Immer und immer wieder. Das ist Twitter. Man veröffentlicht seine Kurznachrichten im Netz, für jeden, den es interessiert. Die ideale Beschäftigung, möchte man meinen, für Gelangweilte, Narzissten und – Gott behüte! – gelangweilte Narzissten. Natürlich würde ich nie zugeben, dass ich ein gelangweilter Narzisst bin. Warum also nutze ich, David Bauer, Journalist und Mensch, Twitter?

Man muss sich Twitter wie eine Party vorstellen. Eine grosse Party. Die Party, von der alle erzählten, man müsse unbedingt auch vorbeischauen; alle seien da. Als ich kurz vor Weihnachten dazustiess, war sie schon in vollem Gange. Alles, was ich zunächst vernahm, war ein riesiges Durcheinander, ein Geschnatter allerorten. Ich erinnerte mich an Gewohnheiten im realen Leben: Entweder man geht erst mal an die Bar (gibt es bei Twitter nicht), oder man sucht die Leute, die einen überredet hatten, zu kommen (findet man bei Twitter per Suchfunktion schnell). Und so stöbert man durch die Menge, entdeckt das eine oder andere bekannte Gesicht und wird seinerseits erkannt. Ah, du auch hier. «Gehe gleich zum Pokern ins Casino», zwitschert mein Bürokollege aus Las Vegas. Ein Freund aus Tokio berichtet von seinem neusten Internet-Projekt.

Die Erfahrungen des Offline-Lebens helfen beim Verständnis von Twitter. Wozu geht man an eine Party? Um sich zu unterhalten, um Neuigkeiten zu erfahren, um neue Leute kennen zu lernen. Genau das bietet Twitter. Sex und Alkohol gibt es weiterhin nur an echten Partys; ist auch besser so.

Zu Beginn habe ich vor allem zugehört, was andere zu erzählen haben. Habe beobachtet, wie sich die Leute hier verhalten. Bei einigen Leuten habe ich schliesslich auf den «Follow»-Knopf gedrückt, was eigentlich nichts anderes ist als ein Versprechen: «Ich höre dir zu.» Alle Kurzmitteilungen dieser Personen kommen seitdem automatisch auf meinen Bildschirm.

Man braucht nicht lange, um festzustellen: Es gibt sie auch hier, die Langweiler, die nur aus ihrem durchschnittlichen Alltag plaudern, die Selbstverliebten, die die ganze Zeit nur über sich reden, und Nerds, die immer nur eines im Kopf haben (Technik, hier).

Es gibt aber auch andere: kluge Köpfe, die Interessantes zu berichten haben, Insider, die das Neuste immer zuerst wissen, und gewitzte Menschen, denen man einfach gerne zuhört.

Ich stehe ungeniert neben Promis und höre ihnen zu

Genau hier wird Twitter spannend und bietet gar Vorteile gegenüber der realen Party. Ich kann mich ganz ungeniert neben Prominente stellen und ihnen zuhören. Von der Popband Coldplay erfahre ich, dass sie wieder ins Studio gehen. Bloggerstar Arrington kündigt seinen Rückzug an, nachdem ihn ein Unternehmer angespuckt hatte. Dass mitunter Zehntausende mithören, muss mich nicht stören. Auch kann ich problemlos an Dutzenden Orten gleichzeitig sein.

Man erfährt Anekdoten und Neuigkeiten von Menschen, mit denen man sonst kaum in Kontakt käme. Der Internetexperte Jeff Jarvis berichtet live vom WEF in Davos. Die britische Band Oasis trifft den schwedischen Kulturminister und kommentiert: «Bit of a dude» (ein toller Kerl). Man wird auf spannende Dinge aufmerksam, die man selber nicht gefunden hätte, weil man sie nicht gesucht hat. Der Musikkenner Gerd Leonhard überflutet mich geradezu mit Hinweisen auf spannende Artikel über das Musikgeschäft. Und das Beste: Wenn mich jemand ärgert, ist er mit einem Klick weg. Partylangweiler sind chancenlos.

Nun ist man natürlich selber ein ziemlicher Sonderling, wenn man an eine Party geht und dann dauernd bei Leuten steht und ihnen stumm zuhört (obwohl das bei Twitter niemanden stören würde). Man möchte gerne etwas zurückgeben für all die Inputs, die man selber empfängt. Möchte mit Leuten in einen Dialog treten. Genau das tue ich; mit zunehmendem Engagement und wachsender Überzeugung.

Derzeit verfolgen 82 Menschen meine Kurzmitteilungen, in denen ich Musiktipps gebe und meine Meinung zu Internetthemen kundtue. Eine grosse Gefolgschaft ist das nicht, manche Twitterer haben mehrere 10 000, Barack Obama hat über 240 000. Das spielt aber keine Rolle. Wichtig sind mir die 49, denen ich selber folge. Wer glaubt, bei Twitter gehe es ums Senden, hat etwas falsch verstanden. In erster Linie geht es ums Empfangen. Auch grosse Medien wie die BBC oder CNN nutzen Twitter, um bei Ereignissen Reaktionen einzusammeln, zuletzt beim Flugzeugunglück auf dem Hudson River.

Twitter ist mein persönlicher Nachrichtenticker. Eine nützliche Informationsquelle mit Humor. «Das Universum ist jetzt weniger böse. So ein Mist!», schrieb das Pseudonym «Darth Vader» am Tag von Obamas Vereidigung. Kurz darauf erfahre ich in 140 Zeichen, wie die Nutzung von Google während der Rede Obamas eingebrochen ist. Bunt gemischt liefert mir Twitter Neuigkeiten aus aller Welt und allen Welten. Von Medien, die mich interessieren, von Fachleuten, deren Meinungen und Hinweise ich schätze, und von Personen, die ich persönlich kenne.

Am Ende des Tages habe ich mich gut unterhalten. Habe einiges an Neuem erfahren. Und oft ein paar Kontakte geknüpft, die sich vielleicht mal als nützlich erweisen werden. Brauchen Sie alles nicht? Versuchen Sie es trotzdem. Es kostet nichts. Auch mir wurde erst bewusst, dass ich so was wie Twitter gesucht hatte, als ich es fand.

Der Autor bei Twitter: www.twitter.com/davidbauer

Twitter: Eine dreijährige Erfolgsgeschichte
Twitter wurde 2006 von drei Amerikanern gegründet, ursprünglich als firmeninternes Kommunikationsinstrument (siehe Interview Seite 80). Der Dienst liess nach seiner Öffnung viele ratlos, auch die SonntagsZeitung (siehe Ausgabe vom 7. 11. 2007). In den letzten 12 Monaten hat sich die Besucherzahl aber nahezu verzehnfacht. Heute hat Twitter über 5 Millionen angemeldete Nutzer, in der Schweiz etwa 2000. Bei den Terroranschlägen in Mumbai oder der Notwasserung auf dem Hudson River hat sich Twitter als schneller Kommunikationskanal durchgesetzt. www.twitter.com

Medium: SonntagsZeitung
Ressort: Multimedia
Datum: 08.02.2009

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I grew up as a journalist of words. It remains one of my favourite means to tell stories. Chosen wisely, put in the correct order and structured well, words are as powerful as ever.

Code

When we build applications, when we report and present stories in novel ways, code is what drives them. Speak the language of computers, make them work for you.

How I Learnt to Code

Data

Call it data journalism, if you will. Numbers and data in general are a wonderful raw material to work with. I dig for stories and tell them in visually compelling ways.

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