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“Dr gröscht huere Rockgig aller Zeiten”

December 25, 2007 (updated on October 24, 2009)

Am Samstag erhoben Popstars wie Madonna oder The Police in Weltmetropolen ihre Stimme gegen den Klimawandel. Auch auf Nebenschauplätzen fand Live Earth statt: Im Zürcher Hallenstadion traten Gölä and Friends auf.

David Bauer , Zürich

Medium: Basler Zeitung
Ressort: Kultur
Datum: 9. Juli 2007

Als sich der erste Anflug von Stimmung bemerkbar macht, sind schon fast drei Stunden vergangen. Über die Grossleinwand flimmert ein Werbespot, untermalt mit Patrick Nuos Hit «Beautiful». Einige Hundert Kehlen im Hallenstadion singen den Refrain mit und plötzlich ist so etwas wie Vorfreude spürbar bei den Zuschauern, die vorher gelangweilt vor der Bühne sassen. Endlich bekannte Klänge, endlich etwas Action. In fünfzehn Minuten kommt Gölä auf die Bühne.

Die «Swiss Friends of Live Earth» haben ins Zürcher Hallenstadion geladen. Auch die Schweiz soll am Mega-Event Live Earth teilhaben. Auf der ganzen Welt, von Sydney und Schanghai über London und Johannesburg bis nach New York und Rio, finden an diesem 7. 7. 07 grosse Benefizkonzerte statt, 24 Stunden lang.

Nach dem Vorbild von Live Aid und Live 8 hat der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore zusammen mit Kevin Wall diesen weltumspannenden Anlass ins Leben gerufen. Das Ziel: Ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen. Über 150 Künstler geben Konzerte auf allen Erdteilen, in der Antarktis greift gar eine Forschergruppe zu den Instrumenten.

Um punkt vier Uhr Nachmittags hatte das Hallenstadion seine Türen geöffnet. Geschätzte 500 Leute tröpfelten hinein. Wenige Minuten später stand das Sicherheitspersonal tatenlos am Eingang, schaute sich fragend an und um, da sagte einer: «Wir können zumachen, kommt keiner mehr.» Das warme Sommerwetter scheint an diesem Samstag mehr zu ziehen als die Klimaerwärmung.

PUBLIC VIEWING. Drinnen in der Halle grüsst Phil Collins London von einer 144 Quadratmeter grossen Leinwand aus. Das Wembley Stadium ist einer der grössten Schauplätze von Live Earth und mit seinem hochkarätigen Programm auch der mit Abstand attraktivste. Die Livebilder aus London und Hamburg, wo zeitgleich ebenfalls ein Konzert stattfindet, bilden hier das Rahmenprogramm zum anstehenden Gölä-Konzert › Public Viewing, seit der Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland der Inbegriff von Ersatzbefriedigung.

Wirkliche Befriedigung stellt sich nicht ein. Nach fast jedem Song wird unterbrochen: Werbung für den guten Zweck. Wir lernen: Naomi Campbell findet Sparlampen super, Ben Affleck trennt den Müll und Cameron Diaz füllt sich ihre Wasserflasche immer wieder neu auf. Ein wenig seltsam sind diese Filmchen schon, etwas gar banal, aber sie wirken. Denn die Botschaft von Live Earth lautet: Jeder und jede einzelne soll Verantwortung übernehmen, der Wandel beginnt im Alltag. Diese wird dem Zuschauer geradezu eingehämmert, so oft werden die Spots wiederholt. Und dazu immer: bi-bi-bi/biii-biii-biii/bi-bi-bi, neun nervtötend schrille Pfeiftöne, Morsecode für SOS. Save Our Selves, der Slogan von Live Earth. Gerne würde man M-U-S-I-K zurückmorsen, denn davon möchte man gerne ein wenig sehen und hören. Razorlight, Kasabian, Black Eyed Peas › London feiert, Zürich bekommt die Hälfte nicht mit. Doch dann folgt ein kleiner magischer Moment in London: Snow Patrol jagen Autos.

BONSAI-BÄUME. Claudia Lässer, die Moderatorin des Anlasses in Zürich, kommt ein erstes Mal auf die Bühne. Snow Patrol im Hintergrund verstummen. Kurze Begrüssung, lange Erklärung, was das hier alles soll, und die Ankündigung, dass später «die beste Rockband der Schweiz» auftreten wird. Zunächst kommt aber Steve Lee auf die Bühne, der Sänger der Rockgruppe Gotthard. Lee leistet, wie es sich gehört, seinen kleinen Beitrag zum Klimaschutz. Er pflanzt Bonsai-Bäume bei sich zu Hause und macht jeden morgen Liegestütze. Sagt Lässer. Das mit den Liegestütze stimmt dann nicht ganz, dafür fliegt Lee nach dem Kurzauftritt in Zürich mit dem Helikopter direkt weiter nach Stuttgart, wie er stolz erzählt. Als ihm bewusst wird, dass er mit dem Helikopterflug keinen grossen Beitrag zum Klimaschutz leistet, ist ihm seine Ansage doch auch ein wenig peinlich.

«BESTE ROCKBAND». Kurz nach sieben Uhr hat das Warten ein Ende. Die Halle ist unterdessen zu einem guten Viertel gefüllt, als Claudia Lässer noch einmal «die beste Rockband der Schweiz» ankündigt und Gölä auf die Bühne bittet. Dieser legt direkt nach, ruft als Erstes ins Publikum: «Das git dr gröscht huere Rockgig aller Zeiten!» Euphorie in der Halle, Gölä singt seine englischen Songs, die Stimmung flaut wieder ab. Das bessert sich, als Steve Lee die Bühne betritt und Gölä stimmgewaltig zur Seite steht. Dass die beiden dann gemeinsam «Born To Be Wild» intonieren, ist des CO2-Ausstosses zu viel. Ebensolches lässt sich über die wiederkehrenden, ausufernden Gitarrensoli sagen › auch da hätte man, getreu dem Motto des Tages, etwas Strom sparen können.

WEISSER SCHWAN. Schliesslich, gegen Ende seines ersten Auftritts, nimmt sich Gölä die Zeit für eine kleine Ansprache, für die er grossen Applaus erntet. Der bekennende Offroader-Fahrer kündigt nicht etwa den Umstieg auf ÖV an, sondern zwei Mundartsongs. Als er daraufhin seinen «Schwan» anstimmt, der so weiss wie Schnee ist, hat auch Zürich seinen kleinen magischen Moment.

Danach ist erstmal Gölä-Pause, alles strömt in Richtung der Verpflegungsstände. Im Foyer läuft auf Flachbildschirmen ein Werbespot, der zeigt, wie die Dinosaurier durch einen Meteoriteneinschlag ausgerottet wurden. Die Botschaft: «Nicht jede Spezies hat so eine gute Ausrede.» Wer noch einen Text über den Anlass schreiben sollte, der hat nach fünf Stunden immerhin eine gute Ausrede, jetzt vorzeitig zu gehen. Denn mit zweimal Gölä wird die Welt auch nicht besser.

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