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„Dieses Gefühl, nicht mehr allein zu sein“

December 25, 2007 (updated on January 13, 2008)

Berlins bekanntester Blogger Johnny Haeusler über Medien, Macht und den täglichen Wahnsinn da draußen.

Das Gespräch führte David Bauer.

Medium: Tagesspiegel
Ressort: Berlin
Datum: 9. März 2007

Herr Haeusler, erleben Sie es oft, dass Leute nicht wissen, was ein „Blog“ ist?

Die wenigsten Leute wissen das, habe ich den Eindruck. Auch viele Leute, die täglich das Netz benutzen, wissen damit noch nicht wirklich etwas anzufangen.

Wie erklären Sie es einem Laien?

Ein Blog ist eine Website, auf der zu einem bestimmten Thema regelmäßig Texte veröffentlicht werden.

Und wer liest das?

Im Moment wohl hauptsächlich andere Blog-Schreiber und Journalisten. Blogs sind noch nicht beim wirklich passiven Leser angekommen.

Warum nicht?

Ich weiß es nicht. Wohl durch das Gerücht, Blogs wären inhaltsarm und man könne ihnen nicht trauen. Sicher auch, weil es in der Medienflut sehr schwer ist, die Aufmerksamkeit auf ein neues Medium zu lenken. Aber ich halte es nicht für eine missionarische Aufgabe, das Image oder die Verbreitung von Blogs zu verbessern. Blogs sind kein Produkt, sondern eine Kultur. Die kann man mögen oder eben nicht. Sollte sie Bestand haben, wird sie ihre Berechtigung finden.

Sind Blogs mehr als Selbstbespiegelungen der Autoren?

Viele davon ja, würde ich so sehen. Aber: Was ist ein Buch? Genauso schwer zu beantworten. Bücher können alles sein: eitles Zeug, Romane, Sachbücher. So ist das auch mit Blogs.

Warum bloggen Sie selbst?

Ich kann kaum etwas anderes als schreiben und reden, funktioniere in herkömmlichen Firmenstrukturen nicht, und ich mache gerne neue Dinge, von denen alle behaupten, dass man sie nicht machen kann. Kurz: Ich kann nicht anders.

Finden Sie das, was Sie machen, wichtig?

Ja, sehr. Für mich. Und da es ja mehrere Leute sind, die Spreeblick machen: für uns. Ob es aber für irgendjemanden anderes eine Relevanz hat, das wage ich nicht zu beurteilen. Und es ist mir tatsächlich egal, auch wenn das arrogant klingt. Natürlich nimmt man ein wenig Rücksicht inzwischen, im Großen und Ganzen aber tue ich bei Spreeblick nur, was ich für richtig halte. Und wichtig.

Werden Blogs eher überschätzt oder unterschätzt?

Aktuell werden sie überschätzt, auf Dauer jedoch unterschätzt. Wer glaubt, Blogs wären ein kurzfristiger Hype, auf den man sich jetzt schnell mal stürzen müsse, der irrt. Ich glaube, wir haben noch nicht gesehen, was man aus Blogs machen kann.

Was denn?

Ich kann mir das lokale Kiez-Blog genauso gut und wichtig vorstellen wie Sport-Blogs von Fans. Es gibt Mengen von inhaltlichen Bereichen, die von den klassischen Medien nicht mehr abgedeckt werden können, die ein vielleicht begrenztes, aber dennoch vorhandenes Publikum haben.

Blogs als Massenmedium?

Einzelne Blogs eher nicht. Dann wären sie kein Blog mehr, da sie sich zu stark nach den Lesern richten müssten. Diese Tendenz ist bei Spreeblick manchmal schon zu spüren. Nein, ich glaube, die Zeit ernst zu nehmender Massenmedien ist vorbei. Die sind nur noch Werbekanäle. Inhalte passieren in den Nischen.

Haben Blogs denn das Potenzial zum Informationsmedium, das mit klassischen Medien konkurrieren kann?

Ja. Die Mischung aus Konsumenten, gefährlichem und ungefährlichem Halb- und Ganzwissen, ein paar Journalisten dazu, die die Nase voll davon haben, dass ihre Artikel zusammengestrichen werden, Videos und Audio: Das ergibt ein potentes Korrespondentennetzwerk.

Sollten sich die klassischen Medien davor fürchten?

Natürlich nicht. Sie sollten es umarmen und integrieren.

Blogs verbreiten Meinungen. Haben Blogs Macht?

Das glauben nur Blogger. (lacht)

Sollten sie nicht?

Ich sehe das so: Wenn man überhaupt von einer Form von „Macht“ reden kann, dann liegt sie in den Händen der Gemeinschaft. Niemand tut oder lässt etwas, weil es bei Spreeblick steht. Einige aber schauen sich genauer an, was da steht. Und greifen es auf, falls sie das für nötig halten. Wenn an einem Thema tatsächlich etwas dran ist und es auch der Gegenprüfung von anderen Blogs standhält, macht es im Internet die Runde. Und womöglich geht es in die klassischen Medien. Es ist ein Prozess, der dafür stattfinden muss. Bei der „Bild“-Zeitung reicht eine Schlagzeile allein schon aus. Daher bin ich mit dem Begriff „Macht“ sehr unzufrieden. Macht haben wenige Massenmedien, wahre Macht ist dort, wo auch das wahre Geld ist. Einfluss vielleicht, aber Macht? Nee.

Kann sich der Einfluss verstärken? Wäre das wünschenswert?

Ja, ich glaube der Einfluss wird stärker, und ich finde das wichtig und gut. Damit meine ich nicht ausschließlich den Einfluss auf andere Medien, sondern vornehmlich den Einfluss auf den einzelnen Bürger. Der sich vielleicht überlegt, dass er auch etwas zu sagen hat. Und der nun die Mittel erhält, seine Stimme zu erheben und sogar gehört zu werden. Der plötzlich feststellt, dass er von etwas Ahnung hat und der andere auch daran teilhaben lässt. Ich höre immer wieder, das Tolle am Bloggen sei, wie man plötzlich merkt, dass man nicht mehr allein ist. Genau dieses Gefühl kenne ich auch. Der tägliche Wahnsinn da draußen, der manchmal so unkommentiert bleibt und der immer weniger Reaktionen hervorzurufen scheint: Es gibt noch andere, die ihn bemerken.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Gemeinschaft der Blogger sei eine große virtuelle Selbsthilfegruppe …

Ich glaube, der Eindruck ist nicht ganz falsch. Hilft ja sonst keiner!

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