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Der Journalist im Netz – was muss er sein, was muss er können?

by David Bauer. Lesedauer: knapp 4 Minuten.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Journalisten die Möglichkeiten des Internets nicht einmal ansatzweise verstehen, geschweige denn ausnutzen.

Wenn einer der wichtigsten Verleger des Landes an einem Kongress vor Medienschaffenden ernsthaft behaupten kann, im Internet stünde nur Schrott – und dafür von seinen Berufskollegen nicht kollektiv ausgelacht wird – dann muss man sich Sorgen machen. Eine gesunde Portion Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen sei jedem vergönnt. Aber jeder Journalist, der dermassen zwanghaft die Augen vor den Möglichkeiten verschliesst, die das Internet für den Journalismus bietet, ist schlicht nicht zukunftsfähig.

Das Internet ist für den Journalisten von heute nicht mehr nur Recherchequelle, sondern Aufenthaltsort und Wirkungsstätte. In den letzten Wochen habe ich zweimal vor Journalisten darüber referiert, wie Journalisten das Potenzial des Internets für sich nutzen können. Ich habe die Gelegenheit genutzt, meine Vorstellung vom zeitgemässen Journalist, die sich schon länger in meinem Kopf geformt hat, niederzuschreiben. Gerne stelle ich das Profil hier zur Diskussion: Der Journalist im Netz – was muss er sein, was muss er können?

Er ist neugierig und experimentierfreudig

Die Neugierde gilt als eine der wichtigsten Eigenschaften von Journalisten. Wenn es um technologische Veränderungen im und um den Journalismus geht, ist es um die Neugierde meist nicht mehr so gut bestellt. Ein Journalist, der relevant bleiben und für die Zukunft gerüstet sein will, muss technologisch auf der Höhe bleiben und auch mit Dingen experimentieren, die sich vielleicht als total unbrauchbar herausstellen.

Er ist Experte und Gesprächspartner in einer Community

Zu allen möglichen Themen haben sich im Netz lose und institutionalisierte Communitys gebildet, innerhalb derer sich profilierte Exponenten austauschen und Interessierte zuhören und mitdiskutieren können. Als Journalist sollte man Teil jener Communitys sein, die den eigenen Fachbereich betreffen, sich dort als Experte etablieren und sich an Debatten beteiligen.

Er kuratiert Inhalte

Journalistische Arbeit bedeutet nicht zwingend, selber Inhalte zu erstellen. Es bedeutet in erster Linie, relevante Information (in einer Zeit des Informationsüberflusses) zu vermitteln. Der Journalist im Netz erzeugt jene Inhalte selber, die er selber am besten herstellen kann. Den Rest kuratiert er, sprich: er macht seinem Publikum Originalquellen und gute Aufbereitungen anderer Journalisten zugänglich und erfüllt seine Aufgabe damit, dass er als vertrauenswürdiger Informationsmittler für seine Leser vorsortiert.

Er hat sein eigenes Publikum

Ein Journalist, der sich im Netz gut präsentiert, wird auch unabhängig vom Medium, für das er tätig ist, wahrgenommen. Neben dem Publikum seines Mediums verfügt er über ein Publikum, das ganz gezielt seine Arbeit verfolgt. Dieses besonders interessierte Publikum bietet zusätzliche Möglichkeiten zur Interaktion und verschafft dem Journalisten einen Konkurrenzvorteil.

Er ist transparent

Im digitalen Zeitalter sollte ein Journalist mehr sein als ein im Impressum aufgelöstes Kürzel. Information lebt von der Glaubwürdigkeit des Absenders; ein Journalist ist glaubwürdiger, wenn seine Leser, seine Ansprechpartner und potenzielle Informanten wissen, mit was für einem Menschen sie es zu tun haben, wofür er steht und wie er als Journalist arbeitet.

Er ist erreichbar

Ob Kritik, Anregungen oder brisante Informationen – sie erreichen den Journalisten nur, wenn es einfach ist, mit ihm in Kontakt zu treten. Eine Präsenz im Netz und eine Erreichbarkeit über verschiedene Kanäle stellt dies sicher. Erreichbarkeit ist aber nicht nur technisch zu verstehen. Der Journalist muss tatsächlich offen sein für Inputs aus allen möglichen Kanälen und beweisen, dass sie aufgenommen werden.

Er kann mit Daten umgehen

Immer öfter spielt am Anfang und Ende der journalistischen Arbeit der Umgang mit grossen Datenmengen eine Rolle. Einerseits, wenn es darum geht, Information aus Datenbergen oder offenen Programmierschnittstellen (API) zu ziehen und sinnvoll zu verarbeiten. Andererseits bei der Visualisierung von Geschichten. Er muss nicht alles selber können, aber er muss die Möglichkeiten kennen und die Sprache der Programmierer sprechen, damit sinnvoll Anweisungen geben kann.

Er befindet sich in perpetual beta

Dass ein Journalist stetig dazulernen sollte, ist nichts neues. Das Netz hat bloss den Rhythmus verschärft. Der Journalist muss akzeptieren, dass er stets in einem unfertigen Beta-Stadium bleiben wird. Er muss ständig neues auszuprobieren, sich laufend selber hinterfragen und sein Vorgehen Schritt für Schritt optimieren. Dem Journalisten in perpetual beta verzeiht man Fehler, nicht aber Stillstand.

Trotz allem ist er in erster Linie Journalist und nichts anderes

Alle genannten Punkte erfüllen andere auch, teilweise gar besser. Was den Journalisten auszeichnet, ist seine klare Orientierung am journalistischen Berufsethos und das solide journalistische Handwerk. Die Kernaufgaben des Journalismus verändern sich durch das Netz wenig. Inhaltlich soll der Journalist sich nicht verbiegen, er muss bloss die neuen Möglichkeiten in seine Arbeit integieren.

Ich freue mich auf Widerspruch, Ergänzungen und Weiterverbreitung.

8 comments on ‘Der Journalist im Netz – was muss er sein, was muss er können?’

  1. [...] Der Journalist im Netz – was muss er sein, was muss er können? | David Bauer. Journalist+ Sollte jeder Journo gelesen haben. (tags: journalism web socialmedia davidbauer) [...]

  2. [...] Der Journalist im Netz – was muss er sein, was muss er können? [...]

  3. [...] Ich folge dem Beispiel von Ronnie Grob und dem Journalistenprofil von David Baur und dokumentiere meine Einstellungen [...]

  4. [...] haben, wofür er steht und wie er als Journalist arbeitet (wie ich dies bereits im Artikel «Der Journalist im Netz – was muss er sein, was muss er können?» dargelegt habe). Gleiches gilt für ganze Medienhäuser: Wer finanziert sie, mit wem [...]

  5. Nico sagt:

    Der Journalist wird zum Kurator: Er nimmt – mehr denn je – eine Filterfunktion wahr. Es ist nicht nur seine Aufgabe, Inhalte zu erstellen, sondern seine Leser / Zuschauer / Zuhörer durch den Informationsdschungel im Netz zu geleiten.

  6. Ich bin mit deinen Überlegungen und Argumenten einverstanden und möchte einzig anfügen: Der Journalist im Netz sollte die Möglichkeit nutzen, dass er mobil sein kann. Und er sollte in regelmässigen Abständen dem Netz und den vielen Bildschirmen den Rücken zukehren um stattdessen in Gesichter schauen: Das Zwiegespräch ist noch immer eine Fundgrube für Geschichten.

  7. Jean-Claude sagt:

    Ja tatsächlich scheinen manche Journalisten das Netz noch nicht vollständig als interaktive Kommunikationsplattform entdeckt zu haben. Gerade im Bereich des investigativen Journalismus wären hier ein immenses Potenzial vorhanden vom “Mainstream” Reuters Nachgeplapper wegzukommen. Der digitale Bürger von heute “denkt” in der Regel eigenständig und hätte wohl auch einigen interessanten Input zu diversen Themen zu bieten. Ein reger, befruchtender Austausch zwischen Journalist und digitaler Gemeinschaft erachte ich in der heutigen Zeit bereits als zwingend erforderlich.

  8. GAV sagt:

    Sein und Können nutzt wenig, wenn die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden:

    http://www.facebook.com/?ref=logo#!/pages/GAV-fur-JournalistInnen/165706650132755

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